
Die Neue im Team – Mariia Banar
10. September 2026
Fünf Kandidaten, alle geeignet – woran entscheidest Du? Am Lebenslauf nicht. Und an einem Testergebnis erst recht nicht.
21. September 2026Die Stelle des Zerspanungsmechanikers ist seit acht Monaten offen. Zwei Kollegen fahren die Überstunden, der Meister hat es dreimal angesprochen, letzte Woche ist ein Auftrag in die zweite Schicht gerutscht. In der Runde am Donnerstag fällt die Entscheidung: Wir suchen international.
Die Stelle des Zerspanungsmechanikers ist seit acht Monaten offen. Zwei Kolleg*innen fahren die Überstunden, der Meister hat es dreimal angesprochen, letzte Woche ist ein Auftrag in die zweite Schicht gerutscht. In der Runde am Donnerstag fällt die Entscheidung: Wir suchen international.
Dann kommt die erste Frage. „In welchem Land?“ Und die Antwort, die fast überall zuerst fällt: dort, wo es schnell geht.
Rechnen wir an dieser Stelle kurz mit. Acht Monate, konservativ gerechnet 2.400 Euro Wertschöpfung, die pro Monat fehlt – das sind rund 19.000 Euro. Ohne Überstundenzuschläge, ohne den verschobenen Auftrag, ohne die Kollegin, die im Frühjahr gegangen ist, weil sie die Belastung nicht mehr wollte. Und gesucht haben wir noch nicht eine Minute.
Die zweite Frage fällt in dieser Runde meistens gar nicht: Wen genau suchen wir eigentlich? Man hat ja eine Stellenanzeige. Fünfzehn Anforderungen, keine davon gewichtet, drei stehen seit 2019 unverändert darin. Teamfähig, belastbar, selbstständig.
Sechs Monate später liegen Lebensläufe auf dem Tisch, die formal passen. Und niemand im Raum kann begründen, warum es genau dieser eine sein soll.
Beide Fragen lassen sich vorher beantworten. Fangen wir mit der unbequemeren an.
Wen suchst Du?
„Teamfähig“ steht in jeder zweiten Anzeige und bedeutet in jedem Betrieb etwas anderes. In einer Vierergruppe, die seit zwölf Jahren zusammen an der Maschine steht, heißt Teamfähigkeit etwas völlig anderes als in einer Schicht mit hoher Fluktuation. Das Wort in der Anzeige trägt beide Bedeutungen – und trifft deshalb keine.
Wir arbeiten deshalb nicht mit der Anzeige, sondern mit einem Kompetenzprofil. Der LINC Personality Profiler stellt dafür 25 klar beschriebene Kompetenzen bereit. Aus diesen 25 wählst Du aus, und genau darin liegt der Wert: Du kannst nicht alle ankreuzen. Du musst dich entscheiden, was in dieser Rolle, in diesem Team und unter dieser Führungskraft tatsächlich über Erfolg entscheidet.
Diese Diskussion dauert im Workshop selten unter zwei Stunden. Sie ist die produktivste Zeit im ganzen Projekt – und regelmäßig das erste Mal, dass drei Führungskräfte dieselbe Stelle beschreiben und merken, dass sie drei verschiedene Personen meinen.
Und noch etwas: Die erste Person, die bei uns ein Profil ausfüllt, ist weder die Kandidatin noch der Kandidat. Es ist die Führungskraft. Denn die neue Person kommt nicht in ein Organigramm. Sie kommt zu einem Menschen.
Und wo suchst Du?
Der Suchraum ist keine Landkarte. Er ist das, was nach drei Filtern übrig bleibt.
Anerkennung. Ein Land, in dem die Qualifikation für Deine Rolle nicht anerkennungsfähig ist, ist kein Suchraum. Es ist eine Warteschleife mit Reisekosten.
Fairness. Es gibt Länder und Berufsgruppen, bei denen die Antwort Nein lauten muss – weil die Herkunftsregion durch die Abwerbung ärmer wird oder weil vor Ort Gebühren von den Kandidat*innen verlangt werden. Bei uns zahlt der Arbeitgeber. Ausnahmslos.
Infrastruktur. Gibt es geprüfte Partner*innen vor Ort? Gibt es Sprachausbildung schon vor der Einreise? Ohne beides wird aus einem Suchraum eine Hoffnung.
Am Ende stehen nicht acht Wunschländer, sondern zwei begründete. Und der Suchpartner*innen bekommt kein Inserat, sondern ein Briefing, in dem steht, worauf es Dir ankommt.
Was mich nach all den Jahren immer noch überrascht: Die 19.000 Euro aus der Rechnung weiter oben nimmt fast jeder Betrieb hin. Die zwei Stunden, in denen man aufschreibt, wen man eigentlich sucht, gelten als Luxus.
Der teuerste Fehler passiert selten bei der Auswahl. Er passiert vorher, wenn niemand aufgeschrieben hat, worauf man sich am Ende einigen wollte.
Frage diese Woche drei Führungskräfte aus Deinem Haus getrennt voneinander, welche drei Eigenschaften die neue Kollegin mitbringen muss. Bekommst Du dieselbe Antwort?
Und: Steht bei Dir irgendwo schriftlich, woran Du in einem Jahr erkennen willst, dass es die Richtige war?
Wie wir Suchraum und Anforderungsprofil erarbeiten, steht hier.
Im nächsten Beitrag der Serie: Wie aus diesem Profil eine Entscheidung wird – und warum ein Persönlichkeitsbericht dabei niemanden aussortiert.

Autor:
Ralf Hartleb
ti communication EXPERT
International Talents
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