"Toque", Verklagen von Seife und natürlich Ahornsirup - Kanada von A-Z

"Toque", Verklagen von Seife und natürlich Ahornsirup - Kanada von A-Z

Im Rahmen eines Praktikums habe ich 2 Monate in Montréal/Kanada verbracht. Was ich dort erlebt und welche interkulturellen Erfahrungen ich dort gemacht habe, habe ich in meinem persönlichen Kanada-ABC zusammengefasst.

Ahornsirup

Manchmal schien es mir so, als wenn Ahornsirup das Lebenselixier der Kanadier ist. Sie lieben ihren „Sirop d’érable“ bzw. „Maple Syrup“! Im März und April erfreuen sich die zahlreichen Ahornsirup-Farmen großer Beliebtheit bei Touristen, aber auch Einheimischen. Ein Ausflug zu einer Cabane à sucre (Zuckerhütte) sieht meist so aus, dass man nach einer kurzen Einführung in die Ahornsirupproduktion einen deftigen Lunch mit verschiedenen Speisen zu sich nimmt, die alle mit Ahornsirup zubereitet wurden: Pancakes oder Omelettes mit Ahornsirup, Bohnen in Ahornsirup, Toffees aus Ahornsirup  - alles wird in dem klebrig-süßen Sirup gekocht, darin eingetunkt oder mit Ahornsirup übergossen. Gewöhnungsbedürftig und sehr mächtig, aber lecker!

Bürokratie

In Deutschland ist das Vorurteil weit verbreitet, dass in Kanada alles viel einfacher funktioniert. Mein persönlicher Eindruck war jedoch, dass Kanada ein sehr bürokratisches Land ist, in dem selbst ich als Deutsche manchmal über die vielen Regelungen und Vorschriften erstaunt war. Wer einmal auf Kanadas Straßen unterwegs war und sich im zweisprachigen Schilderwald zurechtfinden musste, weiß, wovon ich spreche. Ein paar weitere Beispiele: Es ist erlaubt, ein Hotel in Québec zu verklagen, wenn beispielsweise die Seife nicht zweisprachig beschriftet ist; ein Schild in den Metrobahnen warnt davor, dass das Aufhalten der Türen 150$ Strafe kostet; der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist nicht gestattet und es herrschen sehr strenge Rauchverbote.

Die vielen Regelungen haben aber genauso auch gute Seiten. So war ich das ein oder andere Mal von der reibungslosen Organisation des öffentlichen Lebens beeindruckt, insbesonderevon der Organisation des Winterdienstes und der Straßenreinigung: Sobald es zu Schneefällen kam, wurden die Autos auf eine Seite der Straße geparkt, sodass die Räumungsfahrzeuge auf der anderen Straßenseite freie Fahrt hatten. Das gleiche geschah bei der täglichen Straßenreinigung: Alle Anwohner wussten stets ganz genau, welche Straßenseite an dem jeweiligen Tag gereinigt wurde und auf welcher Seite der Straße sie parken durften, damit die Reinigungsfahrzeuge problemlos passieren konnten. Faszinierend fand ich außerdem den Aufruf in Zeitungen und auf den Leinwänden in den Metrostationen zu einer gemeinschaftlichen Aufräumaktion der Stadt: Jedes Jahr tun sich die Montréaler Bürger zusammen um an zwei Tagen die Stadt schöner zu machen durch Müll sammeln, Gehwege reinigen und fegen usw. Gute Idee!

CN-Tower

D-E

Fairmount Bagels

Gesundheitsystem

Leider war ich während meines Aufenthaltes lange Zeit krank, sodass ich auf diese Weise unfreiwillig auch das kanadische Gesundheitssystem näher kennengelernt habe. Das war eine Erfahrung, die man mal gemacht haben muss! Ich hatte mich erkundigt und wusste, dass man in Kanada Ewigkeiten auf Arzttermine warten muss und man daher im Akutfall eine sogenannte „Walk-in“ Klinik aufsucht. Das ist wie eine riesige Gemeinschaftspraxis, bei der man am Eingang eine Nummer zieht und wartet bis man aufgerufen und in ein Behandlungszimmer gebeten wird. Obwohl ich noch vor den Öffnungszeiten da war, war ich Nummer 34 in der Warteschlange und musste 4 Stunden auf die Behandlung warten. Als sich mein Zustand jedoch auch nach einer Woche nicht besserte, habe ich mich auf Rat meiner Arbeitskollegen in die Notaufnahme eines Krankenhauses begeben. Das ist in Kanada üblich, wenn man eine gründliche Behandlung wünscht, da es nicht möglich ist, ohne Weiteres einen Facharzt aufzusuchen. Obwohl man in den Notaufnahmen manchmal bis zu 8 Stunden oder länger warten muss, hatte ich Glück und wurde „schon“ nach 2,5 Stunden behandelt. Insgesamt war die Behandlung für mich als Ausländerin extrem kostspielig, allein die Aufnahmegebühr im Krankenhaus betrug 580$. Zum Glück hatte ich eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen! Auch der Gang in die Apotheke war ein Abenteuer für sich. Zunächst geht man in einen Laden der Ketten „Jean Coutu“ oder „Pharmaprix“, eine Art riesiger Drogeriemarkt, in dem man aber auch Lebensmittel kaufen kann oder es eine Poststelle gibt. Dort gibt man an einem Schalter das Rezept ab und muss Auskunft über Adresse, Telefonnummer, Allergien usw. geben. Dann wird man in einen Wartebereich gebeten bis man aufgerufen wird und an einem anderen Schalter das Medikament bekommt und bezahlt. Möchte man noch eine Auskunft zu dem Medikament oder eine Beratung haben, muss man wiederum warten, bis ein Apotheker an einem separaten Schalter die Fragen beantwortet. Bei solchen Geschichten lernt man das deutsche Gesundheitssystem wieder zu schätzen!

Hockey

Eishockey – in Kanada ausschließlich unter dem Namen Hockey bekannt – ist der kanadische Nationalsport. Leider hatte ich während meines Aufenthaltes nicht die Möglichkeit, live ein Spiel zu sehen. Allerdings wurde mir von einigen Seiten berichtet, dass man als Europäer, der die ausgelassene Stimmung von Fußballspielen kennt, von der Atmosphäre bei einem Hockeyspiel ziemlich enttäuscht wäre. Die Zuschauer sind nämlich in erster Linie damit beschäftigt, sich mit Popcorn, Hot Dogs und Softdrinks den Bauch vollzuschlagen und verfolgen das Spiel nur am Rande. Kaum vorzustellen bei den Eintrittspreisen, die bei Spitzenspielen bis in dreistellige Dollarbereiche mittlerer Höhe reichen!

I-L

Multikulturalismus

Wenn ich rückblickend an meine Zeit in Montréal/Kanada denke, fällt mir vor allem ein Stichwort ein, das Land und Leute meiner Meinung nach am treffendsten beschreibt: Multikulturalismus. Nicht umsonst ist das traditionelle Einwanderungsland Kanada international für seine gute Integrationspolitik bekannt. Ein Beispiel veranschaulicht diesen Umstand wie ich finde am besten: So heißen Neuankömmlinge in Kanada „New Canadians“ und nicht wie in Deutschland „Einwanderer“ oder gar „Menschen mit Migrationshintergrund“. Mein Empfang war dementsprechend von Offenheit und Herzlichkeit geprägt. Schon im Vorfeld meines Aufenthaltes habe ich diese Weltoffenheit zu spüren bekommen. Ich hatte überhaupt keine Probleme, von Deutschland aus über Online-Plattformen eine Unterkunft in Montréal zu finden. Ich bekam unzählige interessierte Anfragen auf mein Gesuch, darunter waren nicht nur Wohnungsangebote, sondern oftmals auch Einladungen und Nachrichten von Leuten, die beispielsweise irgendwann mal Deutsch gelernt hatten oder auch nur für einen kurzen Zeitraum in Montréal waren und sich anboten, nach meiner Ankunft gemeinsam etwas zu unternehmen. So hatte ich bereits einige Bekanntschaften gemacht, bevor ich überhaupt eingereist war! Bei meiner Ankunft wurde ich nicht nur von meinen Mitbewohnerinnen – zwei kanadischen Studentinnen – sondern auch an meiner Praktikumsstelle mit offenen Armen empfangen. Aber auch im alltäglichen Leben wurden anfängliche Sprachhürden mit einem Lachen aufgenommen und jeder interessierte sich für meinen „Background“. Die weltoffene, freundliche Art der Kanadier hat mir den Einstieg in den kanadischen Alltag in jeder Hinsicht leicht gemacht.

Niagara-Fälle

Ottawa

Poutine

Québec

R

Sprache

In Kanada ist ein Großteil der Bevölkerung zwei- oder sogar mehrsprachig aufgewachsen. Vielsprachigkeit ist also für Kanadier nichts Ungewöhnliches. Montréal nimmt in Kanada, einem Land, in dem Multikulturalität offen gelebt wird, noch eine Sonderstellung ein: Es ist die weltweit größte französischsprachige Stadt nach Paris. Durch die Lage in der weitestgehend frankophonen Provinz Québec hat sich eine Kultur etabliert, die stark vom Französischen geprägt ist. Dies schlägt sich auch deutlich in der Sprache wieder. Besonders beeindruckend fand ich, dass die Menschen in Montréal in einer Unterhaltung ständig zwischen Französisch und Englisch wechselten ohne es wirklich zu merken – manchmal sogar mehrmals in einem Satz! So verwirrend das auch manchmal war, so hilfreich konnte dies auch sein, denn ich konnte dadurch ganz einfach auf die jeweils andere Sprache ausweichen, falls mir ein Wort fehlte. Es war für mich eine einzigartige Erfahrung, im Alltag sowohl auf Englisch und Französisch gleichermaßen verstanden zu werden.

Das kanadische Englisch ist dem US-amerikanischen Englisch aufgrund der geografischen Nähe und der gemeinsamen Geschichte sehr ähnlich und lässt sich für ein europäisches Gehör kaum unterscheiden. Allerdings legen Kanadier Wert darauf, dass sich ihr Englisch genauso wie ihr Lebensstil sehr vom US-amerikanischen unterscheidet. In der Tat gibt es im kanadischen Englisch viele einzigartige Ausdrücke, die vor allem auf den Einfluss des Französischen und die hohe Einwandererzahlen zurückzuführen ist. Das beste und meistzitierte Beispiel dafür ist die „tuque“, eine warme Wollmütze. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch für das kanadische Französisch, dass dies in besonderer Weise vom Englischen beeinflusst wurde. Ich musste mich am Anfang sehr an das Québec-Französisch gewöhnen und muss zugeben, dass ich mich auch bis zum Schluss meines Aufenthaltes nicht richtig damit anfreunden konnte. Für mich klang es oft so, als wenn ein Amerikaner  mit seinem starken „Kaugummi“-Englisch das sonst sehr gradlinige und eher aus dem Hals gesprochene Französisch spricht – voilà, geboren ist der Quebecer Akzent. Ich habe außerdem mit zwei Kanadierinnen, die gebürtig aus der Provinz New Brunswick an der kanadischen Ostküste kommen, zusammen gewohnt. Obwohl sie untereinander hauptsächlich Französisch gesprochen haben, war dies dermaßen von englischen Begriffen und Einflüssen durchmischt, dass Ausdrücke wie „C’était le fun!“ oder „C’est awesome!“ für eine besonders lustige oder schöne Erfahrung an der Tagesordnung waren.

Tim Hortons

Tim Hortons ist die beliebteste Fast Food Kette in Kanada. Gegründet und benannt nach dem beliebten Eishockey Spieler Tim Hortons, der 1974 bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte sich die Kette ursprünglich auf Kaffee und Donuts spezialisiert. Mittlerweile kann man dort aber auch jede Art von Burgern und anderem Fast Food bekommen. Ich fand die Tatsache interessant, in die mich ein Kanadier einweihte: In Kanada, das stets in Rivalität zu seinem übermächtigen Nachbarn USA steht, ist diese Ladenkette auch ein Versuch, sich von den USA abzugrenzen. In der Tat würde jeder Kanadier eher bei Tim Hortons anhalten, als bei den US-amerikanischen Pendants. Von dieser kulturellen Interpretation abgesehen, wird die Beliebtheit Tim Hortons aber auch daran liegen, dass es an jeder Ecke einen Laden dieser Kette gibt und die Bagels und Donuts wirklich hervorragend sind!

U-V

Wetter

Leider war der Winter dieses Jahr in Kanada sehr lang und kalt, sodass wir sehr lange mit Schnee und eisigen Temperaturen zu kämpfen hatten. Auch im April waren Schneestürme keine Seltenheit und die warme Winterkleidung ein ständiger Begleiter. Man versucht sich dann so wenig wie möglich draußen aufzuhalten. Montréal hat sich für die langen und kalten Winter etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Die Stadt hat eine kilometerlanges Tunnelsystem entwickelt, die „Underground City“, wodurch ganze Straßenzüge unterirdisch miteinander verbunden werden und sich so in der kalten Jahreszeit Geschäfte, Metrostationen, Behörden, Museen usw. bequem erreichen lassen.

Sobald jedoch Ende April die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen sichtbar waren, konnte man sofort merken, dass die Stadt plötzlich aufgeblüht ist und noch viel lebendiger war als sonst. Jeder wechselte seine salzverkrusteten Schneeboots und fellbesetzten Mäntel in luftige, bunte Sommerkleidung ein – und sei es, dass die ersten Kanadier in Flip-Flops und mit nackten Beinen durch die Straßen liefen, obwohl am Straßenrand noch die letzten Schneeberge vor sich hin schmolzen! Bei den langen Wintern kann ich aber auch verstehen, dass man irgendwann einfach keine Lust mehr auf die sperrige Winterkleidung hat und sich jede Temperatur über 0°C plötzlich wie einen Wärmeeinbruch anfühlt.Meine Erfahrung war auch, dass Kanadier insgesamt noch lieber über das Wetter sprechen, als die Deutschen. Das mag aber auch daran liegen, dass das Wetter das Leben insbesondere in den Wintermonaten so beherrscht.

X-Y

Zurück in Deutschland - und manche Buchstaben sind noch nicht belegt. Wer kann helfen? Wir freuen uns auf Beiträge, Erlebnisse und Eindrücke aus Montréal, Québec oder aus anderen Ecken von Kanada.

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Mittwoch, 20. November 2019

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