Silicon Valley und der deutsche Mittelstand - Inkompatibel oder ideale Partner?

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Ein Beitrag von Sabine Amend - Geschäftführerin von ti communication, Inc. USA

Was wäre geschehen, wenn Elon Musk (Tesla) und Klaus Grohmann (Grohmann Engineering) bei den Verhandlungen über die Übernahme von Grohmann Engineering die Unterschiede zwischen der geschäftlichen Mentalität des jeweils anderen, des amerikanischen Unternehmers aus dem Silicon Valley und eines deutschen „Mittelständlers“, besser verstanden hätten? Hätte das Zerwürfnis vermieden werden können, das dazu führte, dass Grohmann nur sechs Monate später die Firma verließ?


Im internationalen Geschäftsverkehr ist es von entscheidender Bedeutung, Branchenstrukturen und Denkweisen außerhalb des eigenen Landes zu verstehen. Der deutsche Mittelstand* ist ein Paradebeispiel dafür. Dieser Begriff steht exemplarisch für die Schlüsselrolle kleinerer Unternehmen innerhalb der deutschen Wirtschaft, da sie 60 % der deutschen Arbeitskräfte beschäftigen und fast 40 % des BIP erwirtschaften. Diese kleineren Einheiten organisieren sich in Berufsverbänden, um ihre Funktion in der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft zu fördern und damit auch ihre Identität als „Mittelständler“ zu stärken.

Der Begriff „Mittelstand“ umfasst auch die deutschen „Hidden Champions“, d.h. relativ unbekannte Weltmarktführer mittlerer Größe**. Rund 40 % der „Hidden Champions“ der Welt sind deutsche Unternehmen. Sie sind auf mindestens drei Kontinenten präsent und erwirtschaften mehr als 50 % ihres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Überraschenderweise haben viele dieser Unternehmen ihren Sitz in kleinen Provinzstädten, von denen selbst die meisten Deutschen noch nie etwas gehört haben (z.B. Prüm, der Hauptsitz von Grohmann). Die Produktlinien reichen von der Sensorik bis zum Bodensubstrat, von der Keramik bis zur Yacht, von Lebensmittelzusatzstoffen bis zur Software.

Viele Hidden Champions sind tief in regionalen Kompetenzzentren wie der Stahlindustrie um Solingen verwurzelt oder stammen aus einem Familienbetrieb in einem Handwerk oder Gewerbe wie der Seilherstellung oder der Landwirtschaft. Andere sind relativ junge Unternehmen, die davon profitieren, dass sie die Bedürfnisse des Marktes verstehen. Sie haben Zugang zu deutschen Forschungsuniversitäten und den dank des Ausbildungssystems bestens geschulten deutschen Arbeitskräften. Die meisten Hidden Champions investieren viel in Forschung und Entwicklung, zeichnen sich durch ihre Produktqualität aus und setzen damit Maßstäbe in ihrer Branche, während sie gleichzeitig engen Kontakt mit ihren Kunden pflegen. Da die Unternehmen nicht allzu groß sind, können sie schnell auf Veränderungen reagieren. Für viele sind Wirtschaftlichkeit sowie die Pflege langfristiger und intensiver Beziehungen zu Kunden, Banken und Mitarbeitern zentrale Aspekte ihres Geschäftsmodells. Wachstumsstrategien beinhalten organisches Wachstum und Akquisitionen, wobei eine längerfristige strategische Perspektive als bei den meisten US-amerikanischen Unternehmen verfolgt wird.

Für die meisten Mittelständler ist nicht die Vergrößerung und Optimierung der Finanzkennzahlen in Richtung „Exit“ das Ziel. Vielmehr bemüht man sich darum, beste Produkt- und Servicequalität sowie langfristige Rentabilität und den Wettbewerbsvorteil des Unternehmens in seiner Nische auszubauen. Deutsche „Hidden Champions“ sind ein Paradoxon, da sie lokal tief verwurzelt und gleichzeitig global aktiv tätig sind, manchmal vorsichtig konservativ, aber auch hoch innovativ. Auf den ersten Blick sind sie in ihrer zurückhaltenden Art, mit der sie sich oft gegen die neueste „Management-Weisheit“ aus den USA sperren, eher uninteressant; doch sie sind robust und eine Größe, mit der man rechnen muss.

Selbstverständlich gibt es auch in den USA sehr gute Unternehmen mittlerer Größe, die wichtige Beiträge zur Wirtschaft leisten. Anders als in Deutschland finden diese allerdings im amerikanischen Business-Denken kaum Aufmerksamkeit. Der unternehmerische Geist der USA wird Start-Ups zugeschrieben, weitreichende wirtschaftliche Bedeutung hingegen den Großkonzernen. Gleichzeitig ist besonders in Wachstumsbranchen das strategische Ziel meist der „Exit“, d.h. von einem größeren Unternehmen gekauft zu werden oder an die Börse zu gehen. An diesem Ziel werden die Entscheidungen mit Blick auf den zukünftigen Verkaufswert ausgerichtet. Mittelgroß, so gesehen, ist in den USA oft nur eine Übergangsphase auf dem Weg zu diesem Ziel.

Was wäre geschehen, wenn Musk und Grohmann besser verstanden hätten, wie sich dies auf ihre unterschiedlichen Werte, Stärken und Entscheidungsstile auswirken würde? Hätten sie ein wahrhaft bahnbrechendes Geschäftsmodell geschmiedet, das das Beste aus beiden Welten vereint?


* eine Definition von „Mittelstand“ sind Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten bzw. bis zu 50 Millionen Euro Umsatz

** es können mittlere oder „kleine“ Großunternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz und bis zu 6.000 Mitarbeitern sein; mehr als 50% des Umsatzes werden außerhalb Deutschlands erwirtschaftet und die Firmen stehen in ihrem Marktsegment an erster oder zweiter Stelle

 

„MITTELSTAND – Hidden Champions im globalen Wettbe...
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Montag, 26. August 2019

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