Regionalkulturen USA (3/5): Der Deep South, die Midlands und Appalachia

USA-Landkarte

Wer in den USA viel unterwegs ist, erlebt auch heute regionale Kulturen: Trotz visueller Homogenität der immergleichen Hotel-, Restaurant- und Ladenketten sind Unterschiede im Kommunikationsstil, sowie im Arbeitsverhalten, in Bildung und Werten spürbar. Im Coaching von Expatriates erlebe ich es oft, dass die Überraschung groß ist, wenn etwa „das“ bekannte Amerika (zum Beispiel um Boston) nach einem Umzug in eine andere Region (zum Beispiel Charlotte) auf einmal ein Erlernen einer neuen Kultur im selben Land erfordert.

 

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 Nicht nur für Umzüge oder angemessenes Geschäftsverhalten, sondern auch um das soziale Geflecht der heutigen USA als Ganzes zu verstehen, sind zusätzlich Einblicke in drei weitere Siedlerkulturen hilfreich: Deep South , Midlands und Appalachia.

(Quelle: http://emerald.tufts.edu/alumni/magazine/fall2013/features/up-in-arms.html)

 

Deep South

1670, Charleston, South Carolina. Die Gründungssiedler des Deep South sind englische Kolonisten aus Barbados, einem der brutalsten Sklavenregimes und einer der profitabelsten englischen Kolonien dieser Zeit. Diese Briten etablieren ihr Gesellschaftsmodell, das auf Hierarchie, Sklavenarbeit, staatlicher Gewalt, Kastensystem und scharfer Rassentrennung basiert. Aggressiv expandieren sie über South Carolina hinaus nach Georgia, Mississipi und Arkansas bis in Teile von Louisiana und Texas sowie Nordflorida.

Die Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrfeldern sind so brutal, dass jährliche „Sklaven-Importe“ aus Afrika erfolgen, um die extrem hohe Sterblichkeit der Arbeiter auszugleichen. Die Ausbeutung der schwarzen Sklaven, der Bevölkerungsmehrheit, die in manchen Regionen 90% der Bevölkerung beziffert, erzeugt außerordentlichen Reichtum für die weisse Elite. Diese Situation bringt psychologische, ideologische und militärische Mechanismen hervor, die die extrem ungleiche Machtverteilung und Rassentrennung fast 300 Jahre lang aufrecht halten.

Muster von Armut, Gewalt, Abgrenzung und Misstrauen wirken bis in die Gegenwart vielschichtig nach. Konflikte besonders mit den Midlands und Yankeedom zum Verständnis von Gesellschaft, Bildung und rechtlicher Teilhabe reichen tief und polarisieren auch heutige Debatten etwa um Chancengleichheit, politische Teilhabe und Rassismus.

 

Midlands

Eine völlig andere Kultur etablierte sich in den sogenannten Midlands.

In Pennsylvania initiiert 1680 der Gründer William Penn, ein sehr wohlhabender englischer Quäker, die Verwirklichung seiner gesellschaftlich-religiöse Utopie. Im Quäkertum sind der Glaube an das Gute im Menschen und die direkte Beziehung der Gläubigen zu Gott zentral . Widerstand gegen Hierarchie und Konformität sind Teil dieser Weltsicht. Wer kann schon wissen, wie dem Mitmenschen Gott erscheint? Freiheit, durch Vorbildlichkeit führen und Friedfertigkeit sind wichtige Werte.

Diese pluralistische Einstellung, das Bedürfnis, von den Regierenden in Ruhe gelassen zu werden, und die Verfügbarkeit von gutem Agrarland ziehen rasch Siedler verschiedener Länder und Religionen an, darunter viele Handwerker und eine grosse Zahl deutscher Bauern, so daß die junge Kolonie schnell wächst. Allerdings führen Versuche in der Hauptstadt Philadelphia, die Kolonie „autoritätslos“ demokratisch zu verwalten, zu administrativ-politischer Handlungsunfähigkeit und später zu Schwierigkeiten in der Selbstverteidigung. Die optimistisch-egalitäre Haltung, jeden freundlich nach seiner Art leben und glauben zu lassen, übersteht jedoch viele politische Wendungen und prägt Teile des mittleren Westens der USA bis heute.

 

Appalachia

Die „Gründer“ dieser einflussreichen Regionalkultur sind zunächst unsichtbar auf politischen Landkarten; es sind Siedler ohne einen Rahmen definierter Kolonialbeziehungen. Ab 1717 siedeln sie im bergigen Hinterland des südlichen Pennsylvania, dann folgen die westlichen Ränder von Tidewater und Deep South. Diese Siedler sind oft arm, irisch, schottisch oder nordenglisch. Ihre Kultur in Nordamerika wird geprägt durch Klanstrukturen, dominante Persönlichkeiten, oft primitive Lebensbedingungen, brutale Kämpfe mit den indianischen Bevölkerungen, Banditentum und häufig auch „Gesetzlosigkeit“ (in den Augen der Kolonialverwaltungen und der Indianer). Ihre meist illegale Expansion reicht ins spätere Tennessee ebenso wie in Teile von Texas hinein. Widerstand gegen praktisch alle Formen von Einschränkung der eigenen Selbstbestimmung und Freiheiten wird zum zentralen Motiv der Appalachen-Identität. Dies führt auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen gegen „Ordnungsversuche“ durch Truppen, Polizei und Gerichte von Midlands, Tidewater und Deep South sowie zu einem Ringen um formellen politischen Einfluss.

Mitprägend für die späteren USA werden der extreme Freiheitsbegriff sowie die positive Sicht von Gewalt und Kriegertum dieser Regionalkultur, ebenso wie ihre wechselnden Allianzen mit den anderen Kulturen im politischen Spiel um Einfluß auf nationaler und außenpolitischer Ebene.

In Wechselspielen von Interessenkonflikten und regionalen Koalitionen entstehen die Ablösung der Kolonien von England, die Verfassung und mit ihr 1789 die fragile Einheit der „Vereingten Staaten“ von Amerika, ohne dass viele der zentralen Konflikte zwischen den Regionalkulturen gelöst sind.

Zu den Auswirkungen auf innere und äußere Konflikte der Gegenwart und Zukunft lesen Sie mehr in den nächsten Teilen.


Unsere Director Business Development USA und Autorin, Sabine Amend, wird Sie in den nächsten Wochen auf eine Reise durch die Geschichte der USA mitnehmen.

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