Regionalkulturen USA (2/5): Britische Kolonien Tidewater & Yankeedom vs. New France und New Amsterdam

USA-Landkarte

Als europäische Immigrantin in den USA erlebe ich das Land auch nach zehn Jahren immer noch als überraschend. Die Realität ist anders als ich es erwarte; sie fügt sich nicht in die Bahnen meines Denkens ein. Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, politische Prozesse oder die bitteren Debatten in den USA beispielsweise, wenn es um die Rolle öffentlicher Schulen oder des Staates geht, erstaunen auch viele US-Amerikaner. Wie entstehen diese Dynamiken?

 

 

 

 

 

 

Mit einem Blick auf die Unterschiedlichkeit der Siedlerkulturen wird einiges verständlicher.

Bild1

Zwar gibt es seit dem 17. Jahrhundert eine britische „Machtsphäre“ an der us-amerikanischen Ostküste. Gleichzeitig verfolgen die jeweiligen britischen Kolonien ihrerseits sehr unterschiedliche Ziele und Gesellschaftsvorstellungen. Früh zeichnen sich etwa zwischen Tidewater und Yankeedom zentrale Themen ab, die auch heute noch prägend und konfliktreich sind:

(Quelle: http://emerald.tufts.edu/alumni/magazine/fall2013/features/up-in-arms.html)

 

 

 

 

Tidewater

Die Region Tidewater („Gezeitenwasser“) befindet sich an der Atlantikküste im südöstlichen Virginia und dem nordöstlichen North Carolina und erhielt ihren Namen aufgrund der hier stets wechselnden Gezeiten.

Ziel der ersten Kolonisten in Jamestown (ab 1606) war die Etablierung einer profitablen Militärbasis für Goldraub und die Ausbeutung von Ressourcen („inspiriert“ von spanischen Vorbildern in Südamerika). Diese Realität steht in scharfem Kontrast zur späteren amerikanischen Siedlermythologie von Individualismus, harter Arbeit und romantischer Liaison mit der helfenden Indianerin (Pocahontas). Schlecht ausgerüstet, mit falschen Hoffnungen und ohne Kompetenzen in Landwirtschaft verhungerte jahrelang die Mehrzahl der Siedler; sie wurden immer wieder durch Neuankömmlinge aus England ersetzt. Dieser Menschen-Nachschub wurde zum wichtigsten Vorteil der Briten in Kriegen gegen dier indianische Bevölkerung, die durch Krieg, Krankheiten und Hunger dezimiert wird.

Weiterhin entscheidend für die stabilere Etablierung der Kolonie Virginia ab 1630 war die Entdeckung, dass dort Tabak exzellent wächst; damit verfügte die Region über ein wertvolles Exportgut. Die Feldarbeit auf den Plantagen wurde nun von den „armen Massen“ aus Europa geleistet, die die britische Siedlerelite (meist jüngere Söhne des Landadels) als „Vertragsarbeiter“ importierte und oft wie Eigentum behandelte. Soziale Mobilität war für diese Landarbeiter möglich… falls sie ihre Vertragszeit überlebten.

Die Vorstellung der idealen Gesellschaft in Tidewater war jedoch streng hierarchisch. Sie umfasste die zentrale Rolle der anglikanischen Kirche sowie wirtschaftliche, juristische und politische Vorrechte für die aristokratische Gutsherrenklasse. Bildung war ein Privileg, öffentliche Schulen gab es nicht. Freiheit (und demokratische Teilhabe) wurde als die Freiheit für die Elite verstanden, nicht als ein fundamentales Recht für alle, definitiv nicht für die arme Mehrheit.

Problematisch wird dieses Modell für die Elite zu dem Zeitpunkt, ab dem sich arme Arbeitskräfte nicht mehr leicht aus Europa beschaffen lassen. Die Lösung ist allerdings bald gefunden: Sklaven aus Afrika. Sie bilden um 1700 erst 10% der Bevölkerung, um 1760 sind es bereits 40%.

 

Yankeedom

Die genaue Herkunft des Begriffes Yankee ist nicht bekannt. Eine Erklärungsvariante ist, dass es auf dem niederländischen Wort Janke basiert, einer Verkleinerungsform des niederländischen Namen Jan. Es ähnelt dem deutschen „Hänschen“, stellt also eine Art Spitzname für die niederländischen Siedler dar.
(Quelle: http://www.wissen.de/wortherkunft/yankee)

Die Kolonisten in New England (ab 1620) verfolgten ihre calvinistisch-protestantische soziale Utopie. Motiviert durch den Glauben an moralischen Fortschritt und Gottes Willen, sind ihre Siedlungsaktivitäten gut geplant – ganze Familien reisen ein, meist aus der gebildete Mittelklasse Südenglands. Die Bevölkerung der „pilgrims“ steigt rasch an.

Religiös streng konformistisch, sind sie in Bezug auf ihre politische Organisation revolutionär: Sie betreiben ihre Expansion als Siedlergruppen, die sich im Rahmen von „Stadtverfassungen“ selbst verwalten. Schulgebäude, Kirchen und öffentliche Straßen werden errichtet, direkt gewählte Kommittees treffen die städtischen Entscheidungen zu Steuern, Haushalt usw. Dieser hohe Grad an lokaler Kontrolle und Demokratie prägt in New England das positive Bild von Regierung, staatlichen Regeln, öffentlichen Ausgaben und Schulen sowie von Gemeinschaftssinn. Hierzu gehört auch die Schulpflicht, da das Lesen für das Bibelstudium einen hohen Stellenwert einnimmt. Alphabetisierung ist für den Aufbau des „Himmels auf Erden“ essentiell! Universitätsgründungen finden erstaunlich schnell statt, u.a. Harvard College 1636 mit dem Ziel, die religiöse Bildung der Gesellschaft zu fördern. Boston wird und bleibt ein intellektuelles Zentrum der USA.

Diese streng-religiöse Orientierung hat auch dunkle Seiten: Das Andere, Fremde wird als Bedrohung erlebt und bekämpft. Die indianischen unchristlichen „Wilden“ werden mit großer Brutalität in jahrelangen Kriegen ausgerottet. Von der missionarischen Vorstellung beflügelt, persönlich von Gott auserwählt zu sein, versuchen die Pilgrims ihr Einflußgebiet zu vergrössern und ihre religiösen Vorstellungen mit Intoleranz, strengen Strafen und auch mit Gewalt durchzusetzen.

Dies führt, wenig überraschend, zu Konflikten mit den Nachbarn, besonders mit Tidewater, aber auch mit New France, New Amsterdam und weiteren Regionalkulturen, die sich diesen Werten und Missionierungsbestrebungen widersetzen. Die Bestrebungen, sich gegen Ideale des Yankeedoms abzugrenzen, bestehen selbst in der heutigen amerikanischen Politik weiter, etwa in den sehr unterschiedlichen Positionen zu Umweltschutz, Regulierungen im Allgemeinen sowie öffentlicher Bildung.

 

New France

1604 im heutigen Ost-Kanada und in der Green Bay Region gründet Frankreich 20 Jahre vor den Niederländern und noch vor den Briten (1606) die erste dauerhafte Siedlung, und dehnt seinen Einfluss entlang des Mississippi nach Louisiana aus. In diesem New France wenden sich die Siedler indianischen Kulturen zu – man lernt voneinander, auch die Sprachen, heiratet einander, und mischt Traditionen. Das ursprüngliche Ziel der Franzosen war es, durch wechselseitiges Verstehen besser mit Christianisierung und Zivilisierung der Ureinwohner voranzukommen.

 

Bild2Ganz praktisch brauchten die Neuankömmlinge indianisches Wissen und Kulturtechniken (Maisbau, Schneeschuhe etwa), um in dieser harten „neuen Welt“ zu überleben. Unter diesen Umständen entsteht eine neue Hybridkultur im Norden von New France, die sich durch kulturelle Offenheit, Integration, Selbstversorgung sowie dem Willen zur Unabhängigkeit von feudalen europäischen Gesellschaftsstrukturen auszeichnet. Diese Merkmale prägen die spätere kanadische Kultur und ihre Unterschiede zu den USA mit.

(Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/New_France)

 

 

 

 

 

 

New Amsterdam 

New York, New York – zunächst beginnt die „alleramerikanischste“ Stadt 1626 ihre Existenz als New Amsterdam. Die niederländische West India Company erwirbt einen Teil von Manhatten. Handel und Gewinn stehen schnell im Mittelpunkt in dieser Hafenstadt, die sich bereits 1664, Einwohnerzahl ca. 2000, durch eine immense kulturelle Mischung ihrer Bevölkerung auszeichnete. Eine Haltung von pragmatischer Toleranz mit einem Primat von Handel und Gewinnstreben gehört zum erstaunlich dauerhaften niederländischen Erbe dieser Stadt, obwohl sie bereits 1665 an die englische Krone fällt.


Lesen Sie nächste Woche weiter in Teil 3.


Unsere Director Business Development USA und Autorin, Sabine Amend, wird Sie in den nächsten Wochen auf eine Reise durch die Geschichte der USA mitnehmen.

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