Reisebericht zur interkulturellen Sicherheit in Lima und Bogotá

Reisebericht zur interkulturellen Sicherheit in Lima und Bogotá

Lateinamerika gilt als offene und lebensfreudige Region, die Menschen sind herzlich und AusländerInnen gegenüber aufgeschlossen. Gleichzeitig ruft die hohe Kriminalitätsrate in der Region Bedenken vor Dienstreisen oder einem längeren Auslandseinsatz hervor.
Damit es gar nicht erst bedingt durch negative Erlebnisse und Erfahrungen zu Frustration oder gar den Abbruch einer Auslandstätigkeit kommt, empfehlen wir eine entsprechende Vorbereitung nicht nur zu interkulturellen Themen, sondern auch gezielt im Bereich der Sicherheit vor Ort. Die TeilnehmerInnen entwickeln ein Bewusstsein und ein gewisses Bauchgefühl, das dabei hilft, ein angemessenes Maß an Vorsicht walten zu lassen, Situationen besser einschätzen zu können und den Auslandseinsatz in Lateinamerika als das zu sehen, was er ist – eine große Bereicherung.

Im Folgenden berichtet Maria-Sophie Oser über ihre Erfahrungen in Lima und Bogotá

Ortswechsel: Für ein Jahr in die Hauptstadt Perus

„Pass gut auf dich auf. Geh keine unnötigen Risiken ein. Und lass immer wieder etwas von dir hören, damit wir wissen, dass es dir gut geht. Wir wollen dich doch heil und unversehrt wieder zurück. “Die Besorgnis sprach aus den Augen meiner Eltern und Geschwister, als wir uns im August 2012 am Flughafen voneinander verabschiedeten. Für die Dauer eines Jahres tauschte ich mein Zuhause – ein kleines Städtchen inmitten von Weinbergen, wo jeder jeden kennt und man auch noch spät abends völlig unbesorgt spazieren gehen kann – gegen die quicklebendige, bisweilen chaotische und ins Unendliche wachsende Hauptstadt Perus ein. Im wohl bekanntesten Werk des peruanischen Essayisten Sebastián Salazar Bondy erhält Lima den Beinamen „la horrible“, die Schreckliche, und auch Herman Melville errichtet ihr in seinem Roman Moby Dick ein recht unrühmliches literarisches Denkmal. Lima sei „die traurigste und seltsamste Stadt, die man sich vorstellen kann“. Die Welt der Bücher und auch die Mahnungen meiner Eltern zur Vorsicht zeichnen also ein eher negatives Bild der Andenhauptstadt. Zu Recht? Aus meiner heutiger Perspektive, nachdem ich Lima mittlerweile schon zum zweiten Mal besucht habe, lautet mein Urteil ganz klar: Nein! Lima verdient eine Aufwertung der allgemeinen Meinung über sie und die Ängste über die Sicherheitslage vor Ort eine Relativierung ohne rosarote Brille.

Wenn schon Schubladen, dann ganz, ganz viele.

Sicher, das Risiko in Peru bestohlen oder überfallen zu werden, ist im Allgemeinen höher als in Ländern der Europäischen Union. Nichtsdestotrotz finde ich es wichtig, zu differenzieren und eine Stadt vom Ausmaß Limas, in der die Kontraste kaum größer sein können, nicht über einen Kamm zu scheren. Wie überall gibt es auch in der Hauptstadt Perus Orte, die generell unsicherer sind als andere, Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeit steigt, Opfer von kriminellen Handlungen zu werden und Tageszeiten, zu denen höhere Vorsicht geboten ist. Wer jedoch bewusst mit diesen Hinweisen umgeht, sich achtsam in der Stadt bewegt und nach einer gewissen Zeit auch seinem Bauchgefühl traut, kann von vornherein gewisse Risikofaktoren, wenn denn nicht vollkommen ausschalten, so doch zumindest minimieren.

Wie also Sicherheitsrisiken mindern? Tipps zum Umgang mit Geld und Kreditkarten

Bezüglich des Umgangs mit Geld und Kreditkarten rieten mir meine peruanischen Freunde und Bekannte immer dringend, Bargeld nur in Höhe meines geschätzten Tagesbedarfs mitzunehmen und dabei eine kleine Notreserve für den Fall der Fälle einzukalkulieren. Es bedarf einer gewissen Zeit der Anpassung an die neue Währung und die üblichen Preise, aber bald entwickelt man ein Gefühl dafür, wie hoch die Tagesausgaben üblicherweise sind. Ich gewöhnte mich auch daran, immer zwei Geldbeutel bei mir zu tragen: einer für Münzgeld und kleinere Scheine und der andere für den Rest. Das ist besonders beim Busfahren in Lima von Vorteil, wo man zum Bezahlen immer ein wenig Kleingeld griffbereit halten sollte. Kreditkarten sind im Ausland unabdingbar und der Aufwand groß, sie wiederzubekommen, sollten sie gestohlen werden oder verloren gehen. Aus diesem Grund würde ich grundsätzlich dazu raten, Kreditkarten so oft wie nur möglich zuhause zu lassen und Bankautomaten besonders sorgfältig auszuwählen. Ich ging dafür für gewöhnlich in Banken oder große Supermärkte, wo Wachpersonal die allgemeine Sicherheit erhöhen und das Risiko mindern, dass die Bankautomaten manipuliert werden. Am späten Abend und nach Einbruch der Dunkelheit ist immer etwas größere Vorsicht walten zu lassen, deshalb ist es ratsam, tagsüber und wenn möglich in Begleitung einer vertrauten Person zum Automaten zu gehen. Aus Gründen der Sicherheit gelten für Auszahlungen an peruanischen Bankautomaten häufig Tageshöchstbeträge, deren Höhe aber je nach Kreditinstitut variiert. Im Durchschnitt liegt diese Grenze bei Abhebungen am Tag umgerechnet zwischen 500 und 800 Dollar. Spät abends und nachts können jedoch niedrigere Tagessätze gelten.

Gelegenheiten machen Diebe, auch in Lima. Doch geschaffen oder eben nicht geschaffen werden sie nicht von Dieben, sondern von uns.

Mit anderen Wertgegenständen (z.B. Handy, Fotokamera, Laptops, Armbanduhren) sollte ebenso umsichtig umgegangen werden wie mit Bargeld und Kreditkarten. Die Diebstahlgefahr ist besonders dort erhöht, wo sich große Menschenmengen bilden, zum Beispiel an öffentlichen Plätzen, in touristischen Ballungszentren und auch in öffentlichen Verkehrsmitteln zur hora punta, zu Stoßzeiten. Mir selbst wurde während des ganzen Jahres, das ich in Lima verbrachte, nichts gestohlen. Mag sein, dass das kleine Quäntchen Glück mit im Spiel war, aber es gilt in Lima, ebenso wie in anderen Teilen der Welt: Gelegenheiten machen Diebe. Und wer die Gelegenheiten - so denn möglich - gar nicht erst entstehen lässt, kann das Risiko, bestohlen zu werden, beträchtlich mindern.

Zu diesen Vorkehrungen gehören Kleinigkeiten: Mit offenen Augen durch die Straßen gehen, nicht zerstreut wirken, Handtaschen und Rucksäcke gut verschlossen, nah am Körper und in Sichtweite tragen, Wertgegenstände nicht unnötigerweise zur Schau stellen und wann immer möglich zuhause lassen, sich nicht in Gespräche verwickeln lassen, wenn das Bauchgefühl davon abrät, und vor dem Telefonieren und Nachrichtenschreiben die Umgebung einer schnellen Sicherheitskontrolle unterziehen. Smartphones sind in Lima zwar weit verbreitet, aber viele Peruaner besitzen neben diesem noch ein
altes Modell von nur geringem Wert, das sie in dringenden Fällen auch auf der Straße benutzen und bei dem der Verlust im Fall eines Diebstahls nicht so hoch wäre.

„¡Sube, sube! ¡Al fondo hay sitio!“ Meine Erfahrungen zum Busfahren in Lima

Öffentliche Verkehrsmittel sind in Lima für den Geduldigen durchaus eine Alternative zum eigenen Auto. Die Verkehrssituation ist zwar sehr angespannt und nicht selten verlängert sich die Fahrtzeit zu Stoßzeiten um mehr als die Hälfte, aber das Streckennetz der Buslinien deckt praktisch ganz Lima ab, die Tickets sind günstig und aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Die Busse Limas bilden oft einen kleinen Mikrokosmos dieser unglaublichen, kunterbunten, kontrastreichen Stadt – Zuhause von fast zehn Millionen Menschen und ebenso vielen unterschiedlichen Lebenskonzepten. Es lohnt sich, einmal einzusteigen und dabei Lima und vielleicht einen Teil der peruanischen Gesellschaft aus der Busperspektive kennenzulernen.

Registrierungskennzeichen angebracht? Taxischild ordentlich befestigt?
Taxifahren ja, aber mit Vorsicht.

Bezüglich der Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmittel kann ich sagen, dass ich mich in Bussen im Allgemeinen wohler fühlte als in Taxis, vor allem weil sie festen, bekannten Routen folgten, von denen sie im Gegensatz zu Taxis nicht einfach so abweichen können und ich immer von anderen Menschen umgeben war. Das mag vielleicht die Gefahr von Taschendiebstählen erhöhen, aber es mindert doch auch das Risiko, Opfer von schwerwiegenderen Handlungen zu werden. Es kommt vor, dass Taxifahrer die Situation von Menschen mit geringen Ortskenntnissen ausnutzen und sie während der Fahrt überfallen. Das sind Ausnahmefälle, aber um dem vorzubeugen rate ich dazu, nie mit Taxis ohne Registrierungskennzeichen zu fahren und lieber ein sogenanntes taxi seguro zu rufen als eines auf der Straße anzuhalten. Besonders wichtig ist das nach der Ankunft am Flughafen von Lima, wenn man alle persönlichen Dinge bei sich trägt und der Verlust im Fall eines Diebstahls besonders hoch wäre. Sollte man auf einen Taxiservice angewiesen sein, um zum Hotel zu kommen, rate ich dringend dazu, eines der Taxiunternehmen anzufragen, die im Ankunftsbereich des Flughafens auf Kunden warten. Die Taxifahrer dort können sich ausweisen, sind vertrauenswürdig und ihre Taxis meist mit Taxametern ausgestattet. Der Flughafen von Lima ist natürlich in das Busnetz integriert und die Fahrt mit dem Taxi ist deutlich teurer, aber um kritische Situationen zu vermeiden und sicher ans Ziel zu gelangen, ist ein registriertes Taxi in jedem Fall dem Bus vorzuziehen.

Wenn sichere Stadtteile auch unsicher sein können und unsichere nicht immer unsicher sind: Zur Sicherheitslage in den verschiedenen Distrikten Limas

Sehr oft wurde ich vor meiner Ausreise mit der Meinung konfrontiert, Lima sei eine Stadt mit hoher Kriminalität und daher sehr gefährlich. Doch schon nach kurzer Zeit vor Ort wurde mir bewusst, wie facettenreich die Küstenstadt ist und wie unmöglich es ist, eine allgemeine Aussage über die Sicherheitslage in Lima zu treffen, in der annähernd 10 Millionen Peruaner in 43 verschiedenen Vierteln eben, von denen das größte Distrikt, San Juan de Lurigancho im Osten von Lima, allein schon etwas mehr Einwohner hat als Köln.

Die Grenzen zwischen sicheren und unsicheren Zonen verlaufen meiner Erfahrung nach äußerst fließend: Nicht alle Teile eines als unsicher geltendes Viertels sind tatsächlich gefährlich und ebenso wenig ist ein scheinbar sicherer Stadtteil immer ein Garant dafür, dass nie etwas passiert. Manchmal ändert sich die Situation schon zum Positiven oder Negativen, wenn man nur einige Straßen weitergeht und daher sollten die folgenden Hinweise nur eine grobe Orientierung bieten und keinesfalls absolute Gültigkeit beanspruchen.

Als eher unsichere Stadtteile schätze ich ein: Ate, Comas, El Agustino, La Victoria, Lima, Puente Piedra, Rímac, San Juan de Lurigancho, Breña, San Juan de Miraflores, San Luis, San Martín de Porres, Santa Anita, Villa el Salvador, Villa María del Triunfo und Callao mit Ausnahme von touristischen Teil La Punta. Für eher sichere Stadtteile halte ich Miraflores, San Isidro, Surco, Surquillo, La Molina, Chorrillos, Lince, La Punta; Wohngegenden der Oberschicht Limas, sowie auch Pueblo Libre, Jesús María, San Miguel und Magdalena del Mar. In letzteren Stadtteilen wohnen vornehmlich Familien der Mittelschicht.

Die Faszination auf den zweiten Blick: Warum es sich trotzdem lohnt, seinen Radius immer mehr zu erweitern

Ich selbst wohnte während meines Auslandsjahres in Pueblo Libre und arbeitete im anliegenden Stadtteil Breña. Bewegt habe ich mich jedoch in einem weiten Umkreis um diese zwei Gegenden und kann rückblickend sagen, dass die großen Kontraste innerhalb ein und derselben Stadt für mich stets schwer zu begreifen waren. Doch gleichzeitig empfand ich es als sehr spannend, auf Orte zu stoßen, die vielleicht nicht auf den ersten, jedoch auf den zweiten oder dritten Blick eine besondere Faszination auf mich ausübten: Der Obstmarkt von San Luis, der Blumenmarkt von Acho, die Straßenstände der Avenida Brasil, Campo de Marte, ein beliebter Park bei Sportlern, die kleinen Plätze in Pueblo Libre, wo der Blick doch hin und wieder an etwas Grünem hängen blieb, der zentrale Markt für Bastelutensilien im Herzen von Lima, das rauschende Meer bei Magdalena del Mar.

Lima, die Schreckliche? Nein, ganz und gar nicht.

Lima ist zu groß und zu vielseitig, um in eine Schublade zu passen. Ich denke bei der Beschreibung der Sicherheitslage eher an ein Aquarellbild mit Farben zwischen Rot und Grün; die Farbverläufe sind jedoch nicht statisch, sondern besonders an den Grenzen fließend und ständig in Bewegung. Mal ufern die Rottöne an einer Stelle etwas aus, dann ziehen sie sich wieder zurück und verblassen etwas. Des Nachts färbt sich das Stadtbild an einigen Stellen möglicherweise dunkler, aber nicht überall und nicht überall gleich stark. Natürlich existiert so ein sich permanent aktualisierender Stadtplan in Wirklichkeit nicht, aber das Bauchgefühl und die Hinweise der Menschen vor Ort zeichnen meiner Erfahrung nach doch ein ganz gutes Bild der Lage. Der beste Schutz ist für mich jedoch ein gesundes Gefahrenbewusstsein, ohne überängstlich zu werden, Vertrauen in die Sicherheitshinweise von Ortskundigen, Freude am Erkunden von neuen Orten, um sich mit der Zeit immer sicherer in Lima zu bewegen, eine gute Beobachtungsgabe und Anpassungsfähigkeit, sowie eine gute Portion Optimismus ohne Naivität. Lima ist es wert, besucht und gelebt zu werden.

Erneuter Ortswechsel – dieses Mal führt mich mein Weg in die Hauptstadt Kolumbiens

Ich bin mittlerweile zwei Jahre älter, habe begonnen zu studieren. Mein Studienschwerpunkt war es auch, der mich abermals nach Lateinamerika führte: dieses Mal nach Bogotá, die Hauptstadt Kolumbiens mitten in den Anden auf ungefähr 2600 m über dem Meeresspiegel. Vor einigen Jahren noch hätte ich diese Entscheidung aufgrund des Drogenkonflikts eventuell nicht getroffen; bis heute hält er in einigen Teilen Kolumbiens an – trotz der aktuellen Friedensgespräche der wichtigsten Akteure in La Havanna. Doch das Land ist dynamisch und die Befriedung der Bevölkerung steht im politischen, gesellschaftlichen und akademischen Diskurs an höchster Stelle. Das Land tut meiner Einschätzung nach alles, um das negative Bild, das der Bürgerkrieg im kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat, zu revidieren.

Erlernte Automatismen treten wieder zu Tage

In Bogotá selbst gehören die Auseinandersetzungen zwischen Paramilitärs und Guerrilla-Kämpfern bereits zur Vergangenheit, im Mittelpunkt steht der Friedensprozess und die Aufarbeitung des Konfliktes. Daher empfand ich die Sicherheitslage in Bogotá vergleichbar mit der in Lima. Nach kurzer Zeit schon entwickelte ich erneut die Verhaltensmechanismen, die ich während meines Aufenthaltes in Lima erlernt habe, um der Gefahr eines Überfalls oder eines Diebstahls vorzubeugen: Ganz automatisch bewege ich mich in südamerikanischen Großstädten deutlich aufmerksamer als in Deutschland: Ich beobachte meine Umgebung bewusster, gehe zielstrebiger durch die Straßen, prüfe laufend, ob meine Wertsachen noch da sind, lasse erhöhte Vorsicht am späten Abend und nachts walten, bin in ständigem Kontakt mit Freunden und Bekannten, um ihnen darüber Bescheid zu geben, wohin ich gehe und wann ich denke zurückzukehren, plane meine Wege etwas mehr im Voraus. Die Notwendigkeit, ein Bewusstsein für Gefahrensituationen zu entwickeln, empfand ich manchmal als Einschränkung meiner Freiheit, es ist jedoch wichtig, um in ebenjene Situationen gar nicht hineinzugeraten.

Bogotá und Lima – Sicherheitsaspekte im Vergleich

Lima und Bogotá sind in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich, besonders natürlich geographisch und klimatisch, die Sicherheitslage jedoch ist vergleichbar, daher unterscheiden sich meine Hinweise zur Erhöhung der persönlichen Sicherheit nicht grundsätzlich. Die größten Unterschiede sah ich in der Verkehrsinfrastruktur. In Lima sind die meisten der Bus- und Taxiunternehmen in privater Hand und daher nicht zentral organisiert, was sich stark auf die Verkehrslage auswirkt. Das Vorankommen im Straßenverkehr ist besonders zu Stoßzeiten erheblich eingeschränkt. Egal, wie man unterwegs ist, ob mit dem eigenen Auto, in Bussen oder im Taxi, man braucht Geduld und Zeit. In Bogotá dagegen gibt es seit Beginn des neuen Jahrtausends ein städtisches System von Bussen, den Transmilenios, die auf eigenen Fahrbahnstrecken Fahrgäste kostengünstig und bis zum späten Abend durch die ganze Stadt transportieren. Aufgrund der Entkopplung vom normalen Straßenverkehr kommt es nicht zu Staus und die Fahrtdauer ist sehr gut einschätzbar. Das Bezahlsystem beruht nicht wie in Lima auf Kleingeld, sondern auf eigenen Karten, von denen das Fahrtgeld an den Stationen beim Passieren einer Schranke abgebucht wird – ein erheblicher Vorteil, da man nicht gezwungen ist, inmitten großer Menschenmengen an den Busstationen nach Geld zu suchen. Ein Sicherheitsdefizit sah ich in den Transmilenio-Bussen nur in der Gefahr von Taschendiebstählen, die aufgrund der vielen Leute leichter unbemerkt bleiben, und in der Unfallgefahr beim Ein- und Aussteigen. Hier galt für mich aber schlicht immer der Grundsatz: Lieber zu spät kommen, als in einen Bus einzusteigen, in dem trotz Geschmeidigkeit und geringer Scheu vor Körperkontakt schlicht kein Zentimeter Platz mehr ist.

Die Wahl der Wohngegend in Bogotá

In Bogotá fallen, mehr noch als in Lima, die großen sozialen Unterschiede auf. Als Indikator für die Ungleichheit kann man die sogenannten „Estratos“ heranziehen, die die verschiedenen Wohngegenden einer Stadt entsprechend des Wohnumfelds klassifizieren. Als Kriterien werden dafür unter anderem die Qualität der Zufahrtswege und der Baumaterialien herangezogen. Der Ursprung der „Estratificación“ liegt im Versuch, allen Gesellschaftsgruppen den Zugang zu öffentlichen Gütern zu ermöglichen: Angehörige der höheren Estratos (5 und 6) tragen etwas mehr zur Bereitstellung von öffentlichen Diensten (Wasser, Strom, Telefon, Internet, Polizei, Bildungseinrichtungen, etc.) bei, als für die Deckung der Kosten unbedingt nötig wäre. Dieser Mehranteil soll den Bewohnern von Zonen der unteren Estratos (1, 2 und 3) dann durch Zulagen zugutekommen. Auch wenn diese sozioökonomische Klassifizierung aufgrund der gesellschaftlichen Auswirkungen stark umstritten ist, so bietet sie doch Aufschluss über die Wohnqualität und auch die Sicherheitslage in den einzelnen Vierteln und kann als Orientierung bei der Wahl der Wohngegend dienen.

Das Thema Sicherheit war stets allgegenwärtig in Gesprächen mit meinen kolumbianischen Freunden und Bekannten. Sie wussten um das noch eher negative Bild Kolumbiens im Ausland und wollten um jeden Preis verhindern, dass meine Erfahrung mit dem Land durch negative Erlebnisse wie Diebstähle oder Überfälle getrübt wird und damit zur Verfestigung der vorherrschenden Meinung beitragen würde. Ein Land wie Kolumbien, so bunt und vielfältig, sollte nicht anhand einer einzigen Variable, der Sicherheitslage, beurteilt werden, meinten sie. Anderes sollte wieder stärker in den Blickpunkt rücken:
Die allgemeine Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit der Kolumbianer gegenüber Ausländern, die Schönheit und Diversität der Landschaft, die Farbenpracht, die ethnische Vielfalt und der politische Wille, diese zu stärken, das gesellschaftliche Bemühen um die Wiederherstellung von innerem Frieden und eine Aufarbeitung der Vergangenheit, die akademischen Beiträge der Universitäten und die dynamische Entwicklung der Städte Kolumbiens. Die Liste der positiven Seiten und der Zeichen der Veränderlichkeit Kolumbiens ließe sich sicher weiter fortführen.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass meine Kommilitonen in Bogotá in mir als Austauschstudentin die Chance sahen, das Fremdbild Kolumbiens wieder in freundlicheren Farben zu gestalten – auch indem sie versuchten, bestmöglich für meine Sicherheit zu sorgen. Mir wurde stets große Fürsorge entgegengebracht: Freunde begleiteten mich nach Einbruch der Dunkelheit ganz selbstverständlich bis zur Haustür oder holten mich ab, selbst wenn sie dafür einen großen Umweg in Kauf nehmen mussten. Auf öffentlichen Plätzen, im Stadtzentrum, beim Bummeln auf der Straße, beim Tanzen beobachteten sie die Umgebung für mich mit und gaben mir einen Hinweis, wenn ihnen irgendetwas Unbehagen verursachte. Als ich einmal nach dem Unterricht mein Handy vermisste, unsicher, ob es gestohlen wurde oder ich es schlicht irgendwo verloren hatte, teilten sie meine Sorge und halfen mir tatkräftig bei der Suche. Mein Handy bekam ich übrigens wieder; es war beim Fundbüro der Uni abgegeben worden. Ich muss es in einem Moment der Unachtsamkeit irgendwo abgelegt und nicht wieder verstaut haben. Glück gehabt? Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handy an einer privaten Uni gestohlen wird, ist sicher gering. Aber manchmal gibt es glückliche Zufälle auch außerhalb des geschützten universitären Umfelds. Eine Freundin glaubte ihr Smartphone gestohlen - auf dem Heimweg im Transmilenio-Bus. Im Grunde hatte sie keine Hoffnung, es wiederzufinden. Doch es kam anders: Einige Tage später rief der Finder bei der Nummer an, die sie für den Fall eines Verlusts in ihrem Handy gespeichert hatte: Die Nummer ihres Vaters. Kurze Zeit danach konnte sie es abholen – der Bildschirm war etwas in Mitleidenschaft geraten, aber es war intakt.

Es gibt natürlich auch andere Geschichten zu erzählen – mit weniger gutem Ausgang. In meinem persönlichen Erfahrungsschatz findet sich von dieser Art jedoch keine. Ich blicke sehr gerne auf meine Zeit in Kolumbien und Peru zurück und jedem, der darüber nachdenkt, eines der Länder zu bereisen, jedoch Bedenken wegen der Sicherheitslage hat, berichte ich von meinen ganz individuellen Eindrücken und von meinem Umgang mit möglichen Gefahrensituationen. Ich mache Mut zum Aufbruch, nicht völlig uneingeschränkt, aber aus der Erfahrung heraus, dass es sich lohnt.


Über Maria-Sophie Oser
Mein Name ist Maria-Sophie Oser, ich bin 22 Jahre alt und Studentin der
Kulturwirtschaft mit Schwerpunkt auf dem lateinamerikanischen Sprach-
und Kulturraum an der Universität Passau. Nach dem Abitur entschied ich
mich für einen Freiwilligendienst in einer Kindertagesstätte in Lima – eine
wunderbare Erfahrung, die meine Begeisterung für Lateinamerika und die
spanische Sprache weckte und zu den ersten wichtigen
Weichenstellungen in meinem Leben geführt hat. 

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Mittwoch, 20. November 2019

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