„Kleines“ Land, große Gefühle

„Kleines“ Land, große Gefühle

Marlene Müller, Praktikantin bei ti communication, erlebte bei ihrem Aufenthalt in Chile ein von ihrem Nationalbewusstsein abweichendes Verhalten und berichtet darüber im folgenden Beitrag.

Das Land am anderen Ende der Welt erstrahlt in seinen Nationalfarben: blau-weiß-rot. Es liegt ein wohliger Duft nach Gegrilltem in der Luft, im Fernseher werden Militärparaden aus der Hauptstadt übertragen und hoch über den Dächern und Baumwipfeln tanzen unzählige Drachen. Dies kann nur eines bedeuten: Es ist die Zeit der „fiestas patrias".

Der chilenische Nationalfeiertag am 18. September wird von ChilenInnen einfach nur „el Dieciocho“ genannt. Er wird im Gedenken an den Beginn der Unabhängigkeit des Landes von Spanien im Jahr 1810 begangen und traditionell im Kreise von Familie und Freunden gefeiert. Am darauffolgenden Tag, dem „Tag des Heeres“, wird der chilenischen Soldaten gedacht, die ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben. Je nachdem auf welchen Wochentag der 18. September fällt, werden die Feierlichkeiten auf bis zu 3 Tage ausgedehnt.

Ob unter freiem Himmel oder im quincho, einer überdachten Feuerstelle mit Sitzgelegenheiten, es wird auf jeden Fall gegrillt und ordentlich aufgetischt. Feste Bestandteile des kulinarischen Aufgebotes sind dabei Rindfleisch, choripán (Chorizo im Brötchen), pebre (eine Art Salat aus kleingehackten Tomaten, Zwiebeln und Peperoni), empanadas (gefüllten Teigtaschen) und dazu ein guter Tropfen chilenischer Wein. Auf den Plätzen in den Städten und Dörfern von Arica ganz im Norden, bis Punta Arenas im Süden tanzen Frauen und Männer, Mädchen und Jungen in traditioneller Kleidung den Nationaltanz Cueca, einen Paartanz bei dem sich die Tänzer aufeinander zu und umeinander herum bewegen, während sie Taschentücher über ihren Köpfen schwingen. Die Stimmung ist allerseits ausgelassen und dass sich hochrangige PolitikerInnen zu einem Tanz vor laufenden Kameras hinreißen lassen, ist dabei nichts Überraschendes.

Die ChilenInnen lieben ihre Traditionen und Bräuche. Dass in dem Anden-Staat ausgeprägte Nationalbewusstsein, kommt nicht nur am Nationalfeiertag zum Vorschein. Bei internationalen sportlichen Wettbewerben, wie jüngst der für Chile so erfolgreichen Copa America, bekommt man regelrecht Gänsehaut wenn man hört und sieht, mit welcher Intensität und welchem Enthusiasmus die Chilenischen Spieler und Fans die Nationalhymne singen. Die herausragende Schönheit des Landes, welche darin besungen wird, ist nicht nur für jeden Reisenden in Chile überwältigend, sondern auch für Chileninnen immer wieder hervorhebenswert. Man hört sie selbst oft sagen, dass sie im schönsten Land der Welt zuhause sind.

Dieser Patriotismus mag einem merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, dass Chile ein Land ist, dessen Bevölkerung während und nach der Kolonialzeit durch diverse Einwanderungswellen aus Europa und dem Nahen Osten „zusammengewürfelt“ wurde und dessen gemeinsame Geschichte noch relativ jung ist. Ihren Nachbarn (Argentinien, Peru, Bolivien) gegenüber sind die ChilenInnen eher kritisch eingestellt. Diese Haltung lässt sich auf die historischen Spannungen zwischen Chile und seinen Nachbarn zurückführen und verstärkt das „Wir-Gefühl“ innerhalb des Landes umso mehr. Der Patriotismus in Chile kommt nicht von ungefähr, sondern wurde und wird zur Förderung der Identitätsbildung von institutioneller Seite vermittelt. An vielen Schulen, wird einmal pro Woche gemeinsam die Nationalhymne gesungen und Kommandanten und Admiräle der Kriege wurden zu nationalen Helden erhoben. Ihre Statuen schmücken zahlreiche Plätze in Chile.

Geographische Gesichtspunkte lassen sich ebenfalls als Erklärung für den ausgeprägten Patriotismus der ChilenInnen anführen. Chile verbrachte lange Zeit in relativer Isolierung, begrenzt von der Atacama-Wüste im Norden, der Pazifikküste im Osten, der Antarktis im Süden und einer enormen Bergkette, den Anden, im Westen. Die plattentektonische Situation Chiles impliziert eine hohe seismische und vulkanische Aktivität. Regelmäßige Vulkanausbrüche und heftige Erdbeben wie beispielsweise das Beben der Stärke 8,8 am 27.02.2010 hatten oftmals verheerenden Auswirkungen und führten aber gleichzeitig zu einer verstärkten Solidarität innerhalb der Bevölkerung.

Mit den Augen einer Deutschen erschien mir der chilenische Nationalstolz in vielen Situationen sehr befremdlich - und dann wieder eigenartig schön. Dabei wurde mir meine eigene ambivalente nationale Identität bewusst. Für ChilenInnen ist es schwer verständlich, weshalb man in Deutschland seiner Nation gegenüber so kritisch und distanziert eingestellt ist, denn sie selbst bewundern vor allem die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Errungenschaften Deutschlands sehr.

Die zahlreichen nationalen Probleme Chiles, wie beispielsweise die soziale Chancenungleichheit oder die mangelnde Aufarbeitung der Militärdiktatur unter Pinochet, sind nicht von der Hand zu weisen und werden unter ChilenInnen auch oft und gerne kritisch diskutiert. ChilenInnen sind Fremden gegenüber äußerst offen, interessiert und schnell sehr freundschaftlich. Als Fremde/r sollte man sich jedoch kein schnelles Urteil über die politische Situation und Geschichte Chiles erlauben, auch wenn man der Meinung ist, die dafür gebotene Vertrauensbasis aufgebaut zu haben. Dieses Gefühl kann trügerisch sein, da die Freundlichkeit und Offenheit mit Vertrauen verwechselt werden. Die Bewertung der politischen und geschichtlichen Gegebenheiten wird sehr schnell als anmaßend betrachtet. Stattdessen ist es empfehlenswert in der Phase des Kennenlernens die Vorzüge des Landes zu betonen und feinfühlig auf Signale bei den Gesprächspartnern zu hören, die zu einer politischen Diskussion einladen würden.

Durch eine kulturelle Sensibilisierung kann ein gegenseitiges Verständnis für die kulturellen Besonderheiten der Partner-Kultur aufgebaut und Reibungsverluste in der Zusammenarbeit reduziert werden. Hierbei helfen wir Ihnen gerne weiter. Kontaktieren Sie uns doch einfach unter contact@ticommunication.eu.

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Mittwoch, 12. August 2020

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