„An die ehrliche Feedbackkultur der Deutschen musste ich mich gewöhnen.“ - eMag Interview (1)

„An die ehrliche Feedbackkultur der Deutschen musste ich mich gewöhnen.“ - eMag Interview (1)

Die Infineon Technologies AG ist ein international agierendes Unternehmen, in dem Menschen  verschiedener Kulturen miteinander arbeiten. Gemeinsam mit ti communication bietet Infineon seinen Mitarbeitern interkulturelle Trainings an, die interkulturelle Kommunikation erleichtern. Das folgende Interview veröffentlichte das Unternehmen vor kurzem in seinem Mitarbeitermagazin. In der Serie „Kulturen, Kommunikation und Klischees“ sprechen die Redakteure des Infineon Mitarbeitermagazins mit unseren interkulturellen Trainern über Trainings, Länderklischees und Fettnäpfchen interkultureller Kommunikation. Den Anfang macht unsere Senior Expertin Dr. Michelle Cummings-Koether. Ihr Spezialgebiet: die USA.

eMag: Was ist das Ziel Ihrer Trainings?

Michelle Cummings-Koether:  Die Teilnehmer sollen sich in der fremden Kultur nicht verstellen müssen und sich in verschiedenen Situationen intuitiv richtig verhalten können. 

eMag: Was steht bei Ihren Trainings im Vordergrund?

Michelle Cummings-Koether: Inhaltlich geht es immer um die grundlegenden Themen Zuverlässigkeit, Hierarchie und die Art, wie man Probleme anspricht. Man kann viele Probleme lösen, wenn man sie erkennt und an der Kommunikation arbeitet. Neben Inhalten steht auch der Spaß im Vordergrund. Den haben wir in meinen Trainings bei kurzweiligen Diskussionen und interaktiven Übungen.

eMag: Was halten Sie von Länderklischees? 

Michelle Cummings-Koether: Man sollte den Teilnehmern Klischees nicht um die Ohren hauen. Aber ich nutze sie als Einstieg in meine Trainings, um Vorurteile abzubauen und Aha-Effekte auszulösen. Außerdem steckt in jedem Länderklischee ein Funken Wahrheit.

eMag: Welches Klischee über US-Amerikaner nervt Sie?

Michelle Cummings-Koether: Mich nervt das Klischee, Amerikaner seien unzuverlässig. Bei manchen Personen mag das zutreffen. Aber nicht bei allen. Oft ist das Problem nicht die Unzuverlässigkeit, sondern beispielsweise ein unterschiedlicher Umgang mit Zeit. Wo der Amerikaner denkt, er liege noch in der Zeit, wird der Deutsche schon nervös und spricht von „Verzögerung“. Vielleicht haben sich die Beteiligten aber auch nicht verständlich ausgedrückt, sondern ihr Anliegen missverständlich formuliert. Das kennt man ja, das ist nicht nur ein Problem interkultureller Kommunikation.

eMag: Worin unterscheiden sich die deutsche und die US-amerikanische Kultur wohl am meisten? 

Michelle Cummings-Koether: In der Feedbackkultur. Die Deutschen sind sehr ehrlich, wenn es um Feedback geht. Daran musste auch ich mich erst gewöhnen, als ich nach Deutschland kam. Als Amerikaner fühlt man sich da manchmal vor den Kopf gestoßen. Geben Sie Amerikanern behutsam Feedback!

eMag: Nehmen wir an, jemand macht sich in zwei Wochen auf den Weg in die USA, um dort zu arbeiten. Welche Last-Minute-Tipps geben Sie demjenigen mit auf die Reise?

Michelle Cummings-Koether: Vorweg: Natürlich biete ich auch Last-Minute-Trainings an. Es ist mir wichtig, auch kurz vor der Abreise auf Unterschiede in der Kommunikation hinzuweisen und den Kommunikationsstil der US-Amerikaner zu vermitteln. Man muss ja nicht gleich bei der Ankunft und der Passkontrolle am Flughafen in ein Fettnäpfchen treten. 

eMag: Und wenn ich bereits mit Kollegen aus anderen Ländern zusammenarbeite – kann ich dann noch etwas von Ihnen lernen? 

Michelle Cummings-Koether: Absolut! Auch wenn man bereits mit Kollegen aus anderen Kulturkreisen zusammenarbeitet, kommt es zu Missverständnissen. Und oft erkennt man einfach nicht, warum es zu diesen kommt. Dabei helfen meine Trainings. Außerdem bieten Gruppentrainings mit ihrer einzigartigen Dynamik die Möglichkeit, sich mit anderen Teilnehmern auszutauschen.

eMag: Welcher ist einer der größten Aha-Effekte, den Sie bei Teilnehmern Ihrer Trainings erleben?

Michelle Cummings-Koether: Da gibt es nicht den einen Aha-Effekt. Aber ich merke, dass die Teilnehmer ab einem gewissen Punkt anfangen, Hintergründe für das Verhalten der US-Amerikaner zu hinterfragen. Daran passen sie dann ihr Verhalten an: Wenn das eintritt, war das Training erfolgreich. 

eMag: Haben Sie abschließend noch einen Tipp für uns und unsere Kollegen?

Michelle Cummings-Koether: Internetrecherche ersetzt interkulturelles Training nicht. Das Internet kann nur Antworten auf oberflächliche Fragen geben. Kommunikation ist so facettenreich: Schnell finden Sie sich in Situationen wieder, von denen Sie nicht wissen, wie Sie da reingeraten sind, wieder rauskommen oder sie gar vermeiden können. Wenn Sie an einem interkulturellen Training teilgenommen haben, können Sie in solchen Situationen intuitiv angemessen handeln. Nicht umsonst sprechen wir von „Training“. Einmal googlen reicht nicht: Interkulturelle Kommunikation muss man trainieren. Viele Trainingsteilnehmer sind nach den Trainings überrascht, wie viel sie gelernt haben.

eMag: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Cummings-Koether. 


Über Dr. Michelle Cummings-Koether

Aufgewachsen im Silicon Valley (Kalifornien, USA), zeitweise in Kanada und UK gelebt, wohnt Michelle Cummings-Koether seit 2004 in München. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Amerikaner: Sie wuchs beeinflusst von beiden Kulturen auf. Da lag es nahe, beruflich zwischen den Kulturen zu vermitteln. Michelle Cummings-Koether studierte Interkulturelle Kommunikation in den USA, UK und Österreich. Seit 2007 arbeitet die Halbamerikanerin als interkulturelle Trainerin und Business Coach, wobei sie sich vorwiegend mit dem US-amerikanischen Kulturraum beschäftigt. Interkulturelles Management und Interkulturelle Kompetenz lehrt sie auch an der Hochschule Fresenius in München und an der Hochschule in Augsburg.


Resilienz im Projektmanagement
Unsere Zusammenarbeit mit Infineon Technologies AG
 

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Donnerstag, 21. November 2019

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