Die Fußball-WM in Brasilien. Aufbruch oder verpasste Chance?

Die Fußball-WM in Brasilien. Aufbruch oder verpasste Chance?

Zuerst erschienen in SIETAR eJournal, Ausgabe 06/2014.
Ein Beitrag unserer Senior Trainerin Cristina Ramalho, der auch nach der Fußball WM noch den Anstoß gibt, über Brasiliens wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation zu reflektieren.

Als vor acht Jahren das FIFA Komitee die Vergabe der Fußball WM 2014 an Brasilien bekannt gab, versank das fußballverrückte Land in eine allgemeine Euphorie. „Wir werden der Welt zeigen, dass wir nicht nur meisterhaft Fußballspielen können, sondern auch gute Stadien bauen und verlässliche Infrastruktur aufbauen können und, dass wir die besten Gastgeber der Welt sind!“
Diese Vorfreude und positive Grundeinstellung war kurz nach der Vergabe der WM allgemeiner Konsens in der Bevölkerung. Sie zog sich durch alle politischen Klassen und die verschiedenen Bevölkerungsschichten. Die Fußball-WM wurde als Chance gesehen, das Land aus der Rolle vom ewigen Schwellenland in die erste Liga zu führen. Gleichzeitig mit den Stadienbauten sollte auch die Infrastruktur nachhaltig ausgebaut werden. 

Auf dem Internetportal der Gewerkschaft der Architekten und Ingenieure Brasiliens liest man, „dass die WM 2014 für Brasilien die größte Chance ist, das Land in die Moderne zu führen. Brasilien kann nicht nur zeigen, dass es organisierte Strukturen schaffen kann, sondern durch seine Wirtschaftsmacht hat es auch das Potenzial, neue Investitionen anzuziehen.1“ 

Bezüglich des Ausbaus der Infrastruktur schränkt die Gewerkschaft der Architekten und Ingenieure auf derselben Internetseite ihre oben getätigte Aussage erheblich ein. ”Nicht nur der Fußball und der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 stehen im Vordergrund, sondern auch die Chance, große Investitionen in Milliardenhöhe für Infrastrukturprojekte ins Land zu holen, die 2022 zur Feier der zweihundertjährigen Unabhängigkeit des Landes beendet werden sollen“.

In dieser Aussage wird deutlich, dass den Architekten und Ingenieuren sehr früh klar war, dass viele Projekte des Ausbaus der Infrastruktur zum Zeitpunkt der WM nicht fertig gestellt sein würden. Dies zeigt sich natürlich auch an der Tatsache, dass erst im März diesen Jahres die letzten Ausschreibungen für Infrastrukturprojekte stattfanden.

Im Juni 2013, kurz vor dem Confed Cup in Brasilien, fingen in Rio de Janeiro und São Paulo Proteste gegen die Erhöhung der Fahrpreise für die öffentlichen Verkehrsmittel an. Was als ein  unorganisierter Zusammenschluss von wütenden Fahrgästen anfing, entwickelte sich rasch zu einer Protestwelle und zu einem Katalysator, der die Unzufriedenheit der brasilianischen Bevölkerung bezüglich der katastrophalen Zustände des öffentlichen Bildungs- und Gesundheitswesens ausdrückte.

Als bekannt wurde, dass öffentliche Gelder statt in das Bildungs- und Gesundheitswesen in teure Stadien investiert wurden und dass die Kosten für die WM auf Grund von Korruption stetig stiegen, richteten sich die Proteste auch gegen die FIFA und deren Präsidenten Joseph Blatter. So wurden Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff bei der Eröffnung des Confed Cups im Stadion von den Fußballfans ausgepfiffen.
Die Proteste sind auch als Wunsch großer Bevölkerungsteile zu verstehen, die am wirtschaftlichen Aufschwung des Landes teilhaben wollen, jedoch sehen, dass die Schere zwischen reich und arm im Land weiter auseinandergeht.
Die anfangs friedlichen Demonstrationen, die viele Bevölkerungsschichten gemeinsam auf die Straße brachten, radikalisierten sich teilweise. Auf Gewalt von Seiten einiger Demonstranten, die auch den sogenannten Black Blocs zugerechnet werden, reagierte die Polizei sehr repressiv und ebenfalls mit großer Gewalt. In vielen Großstädten eskalierte die Situation und es kam zu Plünderungen, Sachbeschädigungen und Verletzten.

Die Trennung von Sport und Politik, die von der FIFA stets betont wird, kann für die WM in Brasilien nur sehr schwer aufrechterhalten werden. Transparente2, die während der Proteste für die Kameras aus aller Welt während des Confed Cups deutlich sichtbar gezeigt wurden, machen dies deutlich.
Mit einer solchen Protestbewegung und auch Politisierung der WM in Brasilien hatte vor der Vergabe 2006 niemand gerechnet. Die Protestbewegung machte sich während des Confed Cups die mediale Präsenz der Weltöffentlichkeit gezielt zu Nutze. Spannend wird die Frage sein, wie die Proteste während der WM verlaufen werden und wie die Reaktion der Regierung und FIFA auf die Proteste sein wird.

Der italienische Automobilhersteller Fiat hat eine Werbekampagne mit dem Lied „Vem pra Rua3“ zum Confed Cup herausgebracht. Das stimmungsvolle Lied des Sängers Falcão lädt die Zuschauer ein, auf der Straße zusammen zu feiern:

“Vem, vamos pra rua
Pode vir que a festa é sua
Que o Brasil vai tá gigante
Grande como nunca se viu” 4(...)

Dieses Lied wurde sehr schnell populär und avancierte zum Mottolied der Protestbewegung. Der Text animierte förmlich die Menschen, auf die Straße zu gehen und zu protestieren und bekam somit einen neuen Kontext.5

Die Reaktion der FIFA auf den Confed Cup und die begleitenden Proteste waren ein Tadel für die brasilianische Regierung. Angemahnt wurden die fehlende Infrastruktur, die Verzögerung beim Stadienbau und die Proteste. Betrachtet man darüber hinaus die Kosten für die WM in Brasilien, wird die Brisanz der Lage noch deutlicher. Während die WM 2006 in Deutschland ca. 3 Milliarden Euro kostete, wird die WM in Brasilien ca. 8,5 Milliarden Euro kosten. Das Versprechen des damaligen Präsidenten Lula, die WM würde aus Mitteln der Privatwirtschaft finanziert, konnte nicht gehalten werden. Mittlerweile geht man davon aus, dass zu fast 80% die Kosten aus dem Staatshaushalt gedeckt werden müssen.

Aldo Rebelo, der Sportminister, sagte in einem Interview in der Zeitschrift Veja am 04.12.13: „Wir sind wie die Braut auf der Hochzeit. Sie kommt verspätet, aber die Hochzeit findet immer noch statt.6“ Darauf erwiderten einige brasilianische Journalisten: „Brasilien ist diesmal nicht die Braut, sondern der Pfarrer, der dafür sorgt, dass die Kirche in einem guten Zustand vor und nach der Messe ist und der darüber hinaus eine schöne Hochzeitsmesse zelebriert“.

Sieht man Brasilien in der Rolle des Pfarrers, bleibt zu hoffen, dass die Chance ergriffen wird, eine „schöne Hochzeitsmesse“ zu zelebrieren, die Proteste ernst zu nehmen, Veränderungen einzuleiten und das Land in einer positiven Aufbruchsstimmung zu hinterlassen.

 

1 Texte frei übersetzt von portal2014.org
2 Sätze frei übersetzt aus der bras. Presselandschaft.
3 „Komm zur Straße“. Freie Übersetzung
4 „Komm, wir gehen zur Straße, denn das ist deine (unsere) Party. Brasilien ist ein Riese, wie wir ihn noch nie gesehen (erlebt) haben“.
Freie Übersetzung. Siehe: YouTube
5 Siehe: YouTube
6 Freie Übersetzung

Hier erfahren Sie mehr zur Autorin Cristina Ramalho. Kontaktieren Sie uns gerne zu Infomationen unserer interkulturellen Trainings zu Brasilien - in Deutschland, Österreich, in Brasilien vor Ort oder weltweit.

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