Individuelle Resilienz: Viel mehr als Stressmanagement – ein Interview mit Senior Consultant Raoul Michael Koether

Sie haben bereits in zwei Blogbeiträgen über das Thema „Resilienz“ berichtet. Warum ist Resilienz momentan in aller Munde und was hat Sie dazu geführt, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen?

Auf das Thema Resilienz bin ich gestoßen, als ich einen Vortrag zum Thema „Veränderungen in der Arbeitswelt“ vorbereitet habe. Ich habe mich daran erinnert, wie es noch vor zwanzig Jahren war, als ich Emails für eine vorübergehende Modeerscheinung gehalten habe. Eine großartige Fehleinschätzung übrigens! (lacht) Damals kam die Post am Vormittag zwischen 10 und 11, die Hauspost viermal am Tag. Man hat seine Korrespondenz bis zum Nachmittag erledigt und eine Antwort konnte frühestens am übernächsten Tag erwartet werden. Natürlich gab es auch Fernschreiber und Telefone, aber Sie waren nicht diesem Informationsüberfluss ausgesetzt wie heute. Und ich glaube, die wenigsten Menschen sind darauf vorbereitet, damit umzugehen, einfach weil ihnen die richtigen Techniken dafür fehlen. Neben Informationsmanagement ist das sicher auch Resilienz.

Worin unterscheidet sich aber Resilienz dann von Stressbewältigung?

Bleiben wir einen Moment bei unserem Emailbeispiel. Stressbewältigung setzt vor allem bei der richtigen Organisation der Stressfaktoren an. 1970 schrieb der AVIS-Manager Robert Townsend das Buch „Hoch lebe die Organisation“. Damals gab es natürlich keine elektronische Kommunikation, aber es wurde viel telefoniert. Townsend stellte in seinem Arbeitsalltag fest, dass er durch die Gespräche ständig aus seiner eigentlichen Arbeit herausgerissen wurde, oft auch durch unwichtiges. Dass er sich immer wieder neu auf das, was er eigentlich gerade machen wollte, einstellen musste, hat ihn gestresst. Dann hat er eingeführt, dass keine Telefonate mehr durchgestellt, sondern alle Anrufe notiert wurden und er sich dreimal am Tag Zeit nahm, die Anrufer zurückzurufen. Er hat sich dann darauf konzentriert, konnte effizienter Arbeiten und seinen Stress reduzieren. Ein Beispiel für Stressbewältigung. Resilienz ist mehr als das. Der Begriff Resilienz umfasst alle Kräfte, die Menschen aktivieren, um das Leben in guten und schlechten Zeiten zu meistern. Es ist die Fähigkeit, trotz widriger Bedingungen zu gedeihen und daran zu wachsen. Es geht also um die Emotion, nicht um die Organisation. Sie arbeiten nicht daran, Stress zu reduzieren, sondern mit Stress umzugehen.

Resilienz ist also eine Methode, auch mit stressigen Situationen umzugehen, die nicht organisierbar sind?

Genauso ist es. Es geht um die Fähigkeit mit Situationen umzugehen, die nicht planbar sind: Konflikte, Niederlagen, Misserfolge oder Lebenskrisen. Da hilft Ihnen die beste Organisation nichts. Dadurch, dass unsere Welt aber so viel schnelllebiger geworden ist, finden die meisten Menschen nicht mehr die Zeit oder den Raum, sich mit solchen Situationen auseinanderzusetzen und einen individuellen Weg aus der Belastungssituation zu finden. Sie „funktionieren“ einfach weiter, bis sie ausgebrannt sind und zusammenbrechen. Resiliente Menschen können kreativ und flexibel in Situationen reagieren, in denen andere sich hilflos fühlen. Sie erleben Belastung eher als Herausforderung, denn als Krise oder Problem.

Wen „betrifft“ das Thema Resilienz? Ist das nur etwas für vielbeschäftigte (Projekt-) ManagerInnen?

Nein, ganz bestimmt nicht. Natürlich gibt es Berufsgruppen, die unvorhersehbaren Wandlungen und Krisen besonders ausgesetzt sind, wie z.B. Projektmanager. Und es kommt der jeweilige Belastungslevel hinzu, vor allem durch Doppel- und Mehrfachbelastungen. Ich habe zum Beispiel allergrößte Bewunderung für alleinerziehende Eltern, die neben ihrem Beruf auch noch allein eine Familie managen müssen. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, Techniken zu kennen, die dabei helfen, diesen Belastungen standhalten zu können. Wer die Muße zum Rosenzüchten hat, findet in der Stille dieser kontemplativen Tätigkeit vielleicht eher seinen eigenen Weg, als jener, der um sechs Uhr aufsteht und um Mitternacht erschöpft ins Bett fällt.

Wie findet man heraus, ob bzw. wie resilient man ist? Gibt es dazu eine Art „Test“?

Wenn Sie ein bisschen in sich hineinhören, dann wissen Sie eigentlich, ob Sie sehr, ein wenig oder kaum resilient sind. Aber natürlich gibt es auch Tests in diesem Bereich. Da geht es aber vor allem darum, zu erkennen, in welchem Bereich die individuelle Resilienzfähigkeit schon gut ausgeprägt ist und wo noch Handlungsbedarf besteht: Situationen akzeptieren zu können, Selbstwirksamkeit erleben, in Lösungen denken, Verantwortung übernehmen, Netzwerke nutzen, Zukunft zu planen und optimistisch zu denken. Im Geflecht dieser sieben Techniken bewegt sich die Resilienzforschung und für jeden Bereich gibt es individuelle, erlernbare Techniken. In meinen Resilienztrainings zum Beispiel mache ich mit den Teilnehmern einen solchen Selbsttest, einfach damit jeder weiß, wo er in welchem Bereich steht.

Was ist zu tun, wenn man nicht bzw. wenig resilient ist?

(lacht) Vor allem nicht verzweifeln, sondern den ersten Schritt in Richtung Resilienz gehen. Das heißt, gestehen Sie sich ein, dass Sie in diesem Bereich noch Lernbedarf haben, begreifen Sie es als Herausforderung. Resilienz ist keine gottgegebene Fähigkeit, sondern kann geübt und gelernt werden. Manche Menschen hatten das Glück, auf ihrem Lebensweg diese Techniken und dieses Wissen „aufzusammeln“, manche eben nicht. Beschäftigen Sie sich also mit diesem Thema, lesen Sie darüber und holen Sie sich zusätzlichen Input von Fachleuten, z.B. bei Vorträgen, Seminaren oder Coachings.

Was können Unternehmen zur Förderung der Resilienz Ihrer MitarbeiterInnen tun?

Glücklicherweise haben viele Unternehmen bereits den Handlungsbedarf erkannt. Bei Volkswagen gibt es zum Beispiel seit 2011 eine Betriebsvereinbarung, dass Tarifmitarbeitern eine halbe Stunde nach Ende der Gleitzeit keine Mails mehr weitergeleitet werden und erst 30 Minuten vor Beginn des nächsten Arbeitstags sind die Verbindungen wieder offen. Das ist aber zum Beispiel nur eine organisatorische Maßnahme und sie gilt auch nicht im außertariflichen Bereich. Viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern aber mittlerweile in Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements und der Mitarbeiterentwicklung Programme und Workshops zur Förderung der individuellen Resilienzfähigkeit an. Erste Analysen belegen übrigens bereits die Wirksamkeit solcher Maßnahmen, wie das Absinken von Krankheitstagen und psychischen Erkrankungen. Über die Fürsorge für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen hinaus zahlen sich solche Maßnahmen auch wirtschaftlich für die Unternehmen aus.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

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