Make America great again! – Gib mir meinen amerikanischen Traum wieder!

Das Streben nach Glück ist in der amerikanischen Verfassung verankert. Wenn man, wie ich, in den Vereinigten Staaten groß wird, dann wächst man auf im Glauben, dass alles erreichbar ist, wenn man nur hart genug dafür arbeitet und nicht aufgibt! Die Axiome meiner Kindheit und Jugend lauteten: „Wenn Du fleißig bist, wirst Du immer ein Dach über dem Kopf haben!“ oder „Mit einem Universitätsabschluss wirst Du erfolgreich! Mach Dir keine Sorgen, wenn Du Dich dafür verschulden musst, denn Du wirst es wieder zurückzahlen können.“

Es war so tief eingeprägt und wurde so gut verkauft, dass ich am ersten Tag meines Studiums erfolgreich drei Kreditkarten beantragt hatte und mit Anfang 20 über einen Kreditrahmen von über $20.000 verfügen konnte. Man muss dazu erwähnen, ich hatte noch keinen Job! Man muss auch dazu sagen, die Bankrepräsentanten standen ständig verfügbar vor der Mensa - und ich hätte jederzeit weitere Karten beantragen können.

Fall Sie sich nun fragen, was das mit der Trump Wahl zu tun hat: vermutlich viel zu viel!

 

Für viele amerikanische Wähler ist der amerikanische Traum tot, gestorben, nicht mehr das, was wir alle unser ganzes Leben versprochen bekommen haben. Der Staat USA, der uns das Streben nach Glück verfassungsmäßig garantiert, hält sein Versprechen nicht mehr! Die Rezession hat den Amerikanern gezeigt, dass ihre Axiome nicht mehr gelten. Immer mehr Studenten sind nicht in der Lage ihre Studienkredite zurückzuzahlen, weil sie eben doch keinen Job finden. Arbeiter können nicht mehr darauf zählen, dass sie ihre Jobs behalten werden, egal wie viel und wie hart sie arbeiten und viele, die während der Rezession alles verloren haben, merken, dass es seitdem nur schleppend wieder aufwärts geht. Der Aufschwung ist nicht bei ihnen angekommen, aber den Reichen, den Eliten geht es jetzt besser als je zuvor. Das macht die Leute wütend!

Und genau in diesem Moment betreten zwei Kandidaten die Bühne, die Besserung versprechen. Einer sagt: „ICH mache Amerika wieder stark für euch! Ich kämpfe für euch! Ich sehe, dass ihr in der Scheiße steckt, und ICH hole Euch da raus!“ Der Wahlslogan, mit dem Donald Trump angetreten war, lautete: „Make America great again“. Die andere sagt: „Uns geht es doch gut! Schaut mal, was wir alles geschafft haben! Zusammen sind wir stärker!“ („Stronger together“). Die Unterstützer beider Kandidaten lassen dabei nichts auf ihre Kandidaten kommen und wer dem anderen widerspricht, wird hasserfüllt niedergebrüllt. Die etablierten Medien stürzten sich auf den Kandidaten Trump: Er sei ein Idiot und seine Wähler auch. Die Argumente der Trump-Wähler werden im Bestfall still belächelt, meist aber lautstark verspottet oder hart angegriffen. Die Argumente Clintons bekommen aber meist positive Aufmerksamkeit. Irgendwann möchte man das nicht mehr hören, und als Umfrageinstitute die Wähler Donald Trumps fragen, wen sie wählen würden, sagen sie, dass sie noch unentschieden seien. Aber in der Privatsphäre der Wahlkabine, da darf man endlich sagen, was man will, und keiner kann etwas dagegen sagen oder einen verspotten. So verwundert es nicht, dass alle Demoskopen in ihren Prognosen so sehr daneben lagen.

Um es noch mal klar zu sagen, die Trump-Wähler sind keine rassistischen, frauenfeindlichen, rückwärtsgewandten Dummköpfe vom Land, zumindest nicht alle. Es sind vor allem Enttäuschte, denen man wieder erfolgreich die Hoffnung auf den amerikanischen Traum verkauft hat - ein Versprechen, das viele durch Präsident Obama und seine Regierung nicht eingelöst sahen. Es gibt eine neuro-linguistische Theorie, wonach die Infragestellung durch Gegenargumente den Glauben an die Richtigkeit einer Ursprungsidee unter Umständen sogar verstärkt wird. Desto mehr Gegenargumente einem präsentiert werden, umso mehr ist man von der Richtigkeit des Gegenteils überzeugt. Je stärker also die Argumente gegen Trump wurden, umso mehr Menschen haben sich zu ihm bekannt.

Wenn man sich genauer anschaut, in welchen Staaten Trump gewonnen hat, erkennt man, dass er die Wahl nicht nur in den sogenannten „Swing States“ - also den Staaten, in denen die Stimmanteile der Demokraten und Republikanern so dicht beisammen liegen, dass eine sichere Prognose nicht getroffen werden kann - gewonnen hat, sondern er auch Staaten gewonnen hat, die seit Jahrzehnten demokratisch gewählt haben. Besonders auffällig war das in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania, Teil des sogenannten „Rust Belts“, also den klassischen Industriestaaten. Ohio wird zwar zurzeit ebenfalls häufig genannt, ist aber schon seit langer Zeit ein Swing State. Die Demokraten waren sich ihrer Wähler dort so sicher, dass Clinton während ihres Wahlkampf Michigan nur einmal besucht hat und Wisconsin überhaupt nicht. In Pennsylvania hat man sich auf schwierige Wählergruppen konzentriert, aber Stammwähler auch dort ignoriert.

Trump hingegen, hat sehr viel Zeit im Rust Belt verbracht, war oft in kleineren Gemeinden, hat sich mit Wählern getroffen und ihnen zugehört. Man hat ihn hierfür belächelt. Am Wahltag waren alle aber entsetzt, dass er dort gewonnen hat. Er ist dort hingegangen, wo andere es als Zeitverschwendung gesehen haben und hat den Leuten zugehört, die ihren amerikanischen Traum zurückhaben wollten. Die amerikanischen Wähler haben deutlich ihren Mittelfinger in Richtung Establishment gehoben, um zu zeigen, dass sie jemanden, sei es auch Trump, an der Spitze des Staates haben wollen, der die Systeme zerstört, die ihnen alles genommen haben. Man kann es mit einem kleinen Kind vergleichen, dass aus Wut seine Handschuhe nicht anzieht, obwohl es schneit. Auch wenn es ihm weh tut, der Mama tut es noch mehr weh! Leider hat das Kind da recht.

Viele geben die Schuld an den rassistischen Weißen, den Sexisten, den dummen Amerikanern. Wenn man sich aber die Wählerdemographie anschaut, erkennt man, dass das nicht stimmt. Auch der FBI Direktor ist nicht schuld, obwohl er ohne Frage Hillary Clinton geschadet und mehr als fragwürdig gehandelt hat. Aber das allein kann das Resultat nicht erklären. Ich denke, dass diese Wahl als Hilferuf der vom System abgehängten Amerikaner zu sehen ist. Die, die eine andere Meinung als der progressive Mainstream haben, aber von der Gesellschaft verdrängt, beschimpft und belächelt werden. Dadurch baut sich aber eine rege Diskussion im Hinterhof auf, bei der die Progressiven nicht mehr zu Tisch geladen sind, um ihre Argumente in einem Dialog zu vertreten. Aber nur im Dialog kann man gegen dieses reaktionäre Gedankengut ankämpfen. Die vielen progressiven Ideen in Bezug zur Gesundheit, Klima und Menschenrechte in den USA werden nur von vielen in der Bevölkerung angenommen werden, wenn diese ihre Bedenken äußern können, und diese Bedenken dann auch ernsthaft diskutiert werden. Nur im Dialog wird die Bevölkerung der USA wieder zu einander finden. Deswegen hoffen alle Progressiven, ich inklusive, dass Trump vielleicht doch vernünftiger ist, als das im Wahlkampf schien. Er war ja schließlich mal ein Demokrat. Die Ernennung seines Übergangsteams lässt dieser Hoffnung zwar nur wenig Spielraum. Aber dennoch, wenn wir Amerikaner etwas richtig gut können, dann optimistisch zu bleiben.

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Sonntag, 26. Februar 2017
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