Die kulturelle Brille schärfen - eMag Interview (3)

In der eMag-Serie „Kulturen, Kommunikation und Klischees“ spricht Infineon mit unseren interkulturellen TrainernInnen darüber, wie sie die TeilnehmerInnen ihrer Trainings auf das Leben in anderen Kulturen vorbereiten. Dabei geht es auch um Länderklischees und Fettnäpfchen. Über ihre Erfahrungen als interkulturelle Trainerin spricht Dorothea Hegner im Interview und erklärt die feinen kulturellen Unterschiede, die es sogar zwischen Nachbarländern wie Schweiz und Deutschland gibt. Ihre Spezialgebiete: Malaysia, Singapur, Schweiz, Deutschland und Österreich.

 eMag: Was ist das Ziel Ihrer Trainings?

Dorothea Hegner: Connect, perform und enjoy: Ich möchte, dass die Teilnehmer meiner Trainings lernen, wie sie Verbindungen zu Menschen aus einem anderen Kulturkreis aufbauen, wie sie erfolgreich sind und erkennen, dass diese Erfahrungen Spaß machen.

eMag: Wie sind Sie dazu gekommen, interkulturelle Trainings anzubieten?

Dorothea Hegner: Ich habe in Asien als Executive Coach sowohl mit „Expats“, Entsandten, als auch mit „Locals“ gearbeitet. Hier sind mir die immensen Unterschiede zwischen den Kulturen, zum Beispiel im Bereich Werteverständnis und Kommunikation, erst richtig bewusst geworden. Das gilt nicht nur für den asiatischen Raum, sondern zum Teil auch für Nachbarländer wie die Schweiz und Deutschland.

eMag: Worin unterscheiden sich die Schweizer und die deutsche Kultur wohl am meisten und welche Probleme bringt das mit sich?

Dorothea Hegner: Es heißt ja manchmal, die Schweizer seien langsam. Da kommt es natürlich ganz darauf an, wie wir das „langsam“ interpretieren: Langsam im Sinne von mangelnder Intelligenz oder langsam im Sinne von „erst denken, dann reden“. Man könnte sagen, manche Schweizer überlegen länger, bevor sie etwas sagen. Außerdem ist die Sprechgeschwindigkeit eine andere, was ebenfalls einen Eindruck von Langsamkeit vermittelt.

eMag: Hat sich im Laufe der Zeit etwas an Ihren Trainings grundlegend verändert? Sind heute andere Inhalte wichtiger als vor ein paar Jahren?

Dorothea Hegner: Heute lege ich viel mehr Wert darauf, dass ich die Trainings an den Charakter und die persönliche Situation des Teilnehmers anpasse. So wird aus einem Training ein Coaching: Wer bin ich, wie wirke ich auf andere und auf die Menschen aus einem anderen Kulturkreis und was will ich erreichen? So gibt es zum Beispiel deutsche Manager, deren Kommunikationsverhalten bereits eher asiatisch ist. Diesen Teilnehmern muss ich nur noch sagen: Weiter so! Und bei anderen wiederum müssen wir im Training noch etwas üben.

eMag: Nehmen wir an, jemand macht sich in zwei Wochen auf den Weg in einen fremden Kulturraum, um dort zu arbeiten. Welche Last-Minute-Tipps geben Sie demjenigen mit auf die Reise?

Dorothea Hegner: Auch hier ist es wichtig, während des Trainings zu verstehen: Was ist überhaupt die Aufgabe des Teilnehmers, geht es um Verhandlungen oder sollen Geschäftsbeziehungen aufgebaut werden? Was bringt der Teilnehmer schon mit, wo liegen seine Stärken? Ich weise stets daraufhin, dass man sich nicht von den sogenannten „Dos and Don’ts“ verrückt machen lassen soll. Die Teilnehmer hören diese klaren Regeln gerne und denken dann, dass sie nun wissen, mit welcher Hand welches Geschenk in welchem Papier übereicht werden soll. Mein Tipp: Geschäftsbeziehungen scheitern nicht an einer missglückten Begrüßung. Gehen Sie aber sensibel auf Ihr Gegenüber zu und bedenken mögliche kulturelle Unterschiede.

eMag: Welcher ist einer der größten Aha-Effekte, den Sie bei Teilnehmern Ihrer Trainings erleben?

Dorothea Hegner: Die Teilnehmer haben meistens schon die eine oder andere Erfahrung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen gemacht und es sind ihnen einige Dinge aufgefallen. Der erste Aha-Moment kommt, wenn sie realisieren, dass ihr Erleben keine einmalige Beobachtung war, sondern es sich um einen sogenannten kulturellen Standard der anderen Kultur handelt: „Das ist dort so üblich“. Der zweite Aha-Effekt folgt, wenn sie verstehen, warum das so ist. Warum bringen Brainstormings, Feedbackrunden in manchen Kulturen einfach nur Schweigen und leere Blicke? Und jetzt kommt der eigentliche Teil des Trainings: Wenn das so ist, welche Möglichkeiten habe ich dann, um zum Beispiel an die gewünschte Information zu kommen?

eMag: Können Sie unseren Kolleginnen und Kollegen zum Abschluss einen Tipp mit auf den Weg geben, der immer funktioniert?

Dorothea Hegner: Seien Sie sich bewusst, dass Sie stets eine kulturelle Brille tragen. Dadurch sehen Sie die Welt, die Situation und die anderen Menschen. Ihr Gegenüber trägt aber mit großer Wahrscheinlichkeit eine ganz andere Brille.

eMag: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hegner.


Über Dorothea Hegner

Dorothea Hegner stammt aus Deutschland und ist seit 2008 als Senior Trainerin und zertifizierter Coach im interkulturellen Bereich tätig. Sie hat einen Masterabschluss in Germanistik, Betriebswirtschaftslehre und Publizistik von der Universität Zürich. Bevor sie sich mit ihrer eigenen Firma selbständig machte, arbeitete Dorothea Hegner im Bereich PR und Marketing. Zusammen mit ihren vier Kindern und Hund Vanilla lebte sie mehrere Jahre in Zürich, Hamburg, Tokyo, Singapur und Kuala Lumpur und kennt diverse Kulturschocks aus eigener Erfahrung.


Die Autorin Valerie Woop schreibt für das Mitarbeitermagazin von Infineon Technologies AG.

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